KOMMENTAR

Die Mobilität der Zukunft und die Bedürfnisse der Berliner Blase.

Von Fynn Göttsche

Der Berliner Tagesspiegel lud zum bereits elften Male zum Future Mobility Summit. Die digital übertragene Veranstaltung wollte sich mit den Fragen der Mobilität der Zukunft befassen, doch waren es eher andere Erkenntnisse, die beim Zuschauer hängenblieben. Für einen Beitrag von nur 395 Euro durfte der Normalsterbliche den Worten von Teilnehmern wie Markus Söder oder Luisa Neubauer lauschen. Studenten kamen bereits für 15 Euro in das Vergnügen, Start-Ups immerhin für 99,50 Euro. Als Pressevertreter war die Teilnahme zwar kostenlos, doch umsonst war sie zweifellos nicht. War es doch möglich viel zu lernen, was über das Thema des Gipfels hinausging. Nicht unbedingt über Mobilität, denn was einerseits Fachleute Interessantes beitrugen, machte der Rahmen des Formats schnell etwas anstrengend. Zuvorderst mag hier der Herausgeber des Tagesspiegel Stephan Casdorff gelten. Dem Kollegen sei empfohlen, sich weiterhin dem Printbereich zu widmen, denn seine Fähigkeiten als Moderator einer Diskussionsrunde waren wenig überzeugend. Sinnvolle Gedanken unterbrach er regelmäßig mit einem „Halt, Stop, Stop, Stop!“ und ließ des Öfteren Gäste wie Cem Özdemir oder Jürgen Langhoff, den Deutschlandchef von BP, ihre Positionen nicht ausführen. Andererseits konnten sich Markus Söder oder Peter Altmaier einer regelrechten Bewunderung gewiss sein. So lobte der Herausgeber die beiden Gäste geradezu über den grünen Klee, bevor sie auch nur ein Wort sagten. Statt kritischer Nachfrage widmete sich Casdorff lieber der der Star-Wars Tasse von Markus Söder und lobte dessen Fußballkenntnisse. An diesen Punkten machte sich eine Besonderheit des digitalen Formats bezahlt. Eine Chatfunktion. Die Zuhörer konnten permanent ihre Meinung zur Veranstaltung mit allen Zuhörern teilen. Und wie relativ schnell deutlich wurde, waren nicht wenige Teilnehmer mit Stephan Casdorffs Moderation unzufrieden. Manch einer verkündete erst wiederzukommen, wenn der aktuelle Veranstaltungspunkt beendet sei, andere fragten sich, ob sie bei einer CDU/CSU-Werbeveranstaltung gelandet seien – und sie erhielten umgehend positive Rückmeldung aus dem Publikum. Die weiterführenden Diskussionen dieses Chats machten, bei aller berechtigter Kritik am Herausgeber, deutlich, wer teilnahm. Es war das, was man gemeinhin als Berliner Blase bezeichnet.

Die Berliner Blase mag im üblichen Politik- und Journalismusbetrieb als hip, links, grün und etwas abgehoben gelten. Bei einem Thema wie der Mobilität war die Entrückung von der Lebensrealität der Menschen in Deutschland allerdings mehr als deutlich. Nur wenige Teilnehmer des Gipfels und einzelne Chat-Diskutanten betonten, dass der ländliche Raum nicht vergessen werden dürfe. Erhöhte Spritpreise und Verbote von Autos treffen die Menschen auf dem Land nämlich ungleich härter. Dabei bedeutet Land nicht einmal das kleine 100-Einwohner-Dorf abseits der Metropolen, sondern eigentlich alles außerhalb einer Großstadt. Die schiere Notwendigkeit eines oder gar mehrere Autos zu besitzen, ist für Familien schlicht indiskutabel. Die Wege zur Arbeit, zum Einkaufen, Arzt oder Freuden und Familie sind mit Öffentlichen Verkehrsmitteln ungleich länger und aufwändiger. Wenn aus der 15-minütigen Autofahrt zur Arbeit eine zweistündige Odyssee würde, wird schnell klar, dass ein Auto kein Luxusgut ist. Es ist schlicht notwendig, um den ländlichen Raum in Deutschland nicht abzuhängen und den Menschen Teilhabe zu ermöglichen. Doch derlei Probleme kennt die Berliner Blase nur aus grauer Vorzeit und Erzählungen. Beim Leben an der Spree ist die nächste U- oder S-Bahn nur fünf Minuten entfernt oder der Bus wartet um die Ecke. Und wenn alle Stricke reißen, sind Taxis, Uber und elektrische Mietroller zur Stelle. Wer sich allerdings einmal über die Endstationen der Berliner S-Bahn hinauswagt, ist froh, wenn ein Bus einmal pro Stunde kommt. Und ob dieser einen auch noch halbwegs in die Richtung bringt, wo man hin möchte, steht auf einem anderen Blatt. Doch wenn es nach den Großstadtbewohnern mit überdurchschnittlichen Einkommen geht, ist das Auto nur eine Möglichkeit von vielen und unter diesen die denkbar schlechteste.

Doch das Auto wird auch weiterhin die Grundlage der Mobilität in Deutschland bleiben, lediglich die Frage nach dem Antrieb scheint hier wichtig und wurde breit auf dem Future Mobility Summit diskutiert. Denn, wenn der nächste Bahnhof zehn Kilometer weit weg ist, kein Bus kommt und es nicht einmal Radwege ins Nachbardorf gibt, ist relativ egal, ob die Mobilität der Zukunft über Abomodelle von autonomen Bussen, Elektrorollern oder Flugtaxis stattfindet. Außerhalb der urbanen Zentren kommen sie ohnehin nicht an. Doch das wollte die Berliner Blase nicht so recht akzeptieren. Bereits 45 Minuten nach Beginn der Veranstaltung beschwerten sich erste Nörgler im Chat, wie es denn „nur“ um Autos gehen könne. Ein Blick in den Ablaufplan hätte gezeigt, dass die Chefin der DB Cargo, ein E-Fahrrad-Hersteller, der Chef der Hamburger Hochbahn oder andere hochkarätige Referenten noch mit anderen, nichtautomobilen Themen aufwarten sollten. Doch war es wohl wichtiger, den Unmut über das Auto – nicht einmal nur den Verbrenner, sondern das Automobil und den Individualverkehr an sich – zu verteufeln. 

Das Herz der Berliner Blase schlug vermutlich am höchsten als deren Lichtgestalt Luisa Neubauer von Fridays for Future ihren 15-minütigen Auftritt absolvierte und umso deutlicher wurde, wie sehr die urbane Mobilität ein Luxusproblem ist. Neubauer philosophierte in einem sogenannten „Fireside Chat“, also einem gemütlichen Kamingespräch mit der Moderatorin. Es ging um alte weiße Männer aus dem globalen Norden und darüber wie politisch Fahrradfahren für sie sei. Die Studentin, deren Lebensmittelpunkt zwischen Berlin, Hamburg und Göttingen schwankt, betonte, dass sie sich wünsche, dass Fahrradfahren diesen Ruf verlöre. Wer jemals an Neubauers Studienort Göttingen einen Fuß auf die Straße setzte, wird dies nicht nachvollziehen können. So ist die Universitätsstadt Göttingen fest in der Hand der Zweiradfahrer und bereits am Bahnhof begrüßt einen ein Heer aus abgestellten Drahteseln. Auch in ihrer Heimatstadt Hamburg und den Wohnort Berlin dürfte das Fahrradfahren inzwischen mehr alltäglich als „politisch“ sein. Auf dem Land hingegen ist das Fahrrad vor dem Erwerb des Führerscheins für junge Leute die einzige wirkliche Möglichkeit für eine elternunabhängige Fortbewegung. Ob der Besuch der Freunde, der Weg ins Freibad oder zum Sporttraining. Das Fahrrad ist hier keine glorreich umweltbewusste Entscheidung zur Rettung des Planeten, sondern schlicht Notwendigkeit. Bei schlechtem Wetter mit der Straßenbahn oder bei Dunkelheit mit dem Nachtbus sind keine Alternativen. Doch mangelt es zudem oft an Fahrradwegen. Wer sich bereits bei Dunkelheit auf einem Fahrrad die Fahrbahn mit Autos teilen musste die, mit Tempo 100 dicht an einem vorbeibrettern, würde sich sicher von Herzen „die Probleme“ der Berliner Blase wünschen. 

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