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Interview mit Carsten Isensee, Vorstand für Finanzen und IT von Seat

Carsten Isensee war zwischen Januar und Oktober 2020 kommissarischer Vorstandsvorsitzender der Seat S.A. und ist auch jetzt weiterhin Vorstand für Finanzen und IT. Seit 1987 für den Volkswagen Konzern tätig. Alexander Voigt sprach mit ihm anlässlich der Seat S.A. Jahrespressekonferenz 2021:

Alexander Voigt: Herr Isensee, COVID-19 begleitet uns nun seit mehr als einem Jahr. Können Sie uns einen kurzen Rückblick geben, wie sich Seat und Cupra gemessen am Gesamtmarkt schlagen konnten?

Carsten Isensee: In Summe sind wir – was die Volumen angeht – übermäßig betroffen, da unsere Hauptabsatzmärkte Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland ebenfalls übermäßig betroffen sind. Für mich zeigt dies aber, dass der Weg, auf dem wir sind, der richtige ist, da wir in den ersten Monaten und auch am Jahresende 2020 in Deutschland Marktanteile gewinnen konnten. Das gibt uns ein gutes Gefühl. Mit den neuen Modellen – dem neuen Seat Leon und dem Cupra Formentor – beweisen wir, dass wir den Geschmack getroffen haben. Darüber hinaus sind unsere Kunden im Schnitt zehn Jahre jünger als der Branchendurchschnitt. Das heißt, wir hatten einen Road-Plan, der wurde vergangenes Jahr zwar durch COVID-19 gestoppt, aber wir denken schon, dass wir durch die beste Modellpalette, die wir jemals hatten, sehr gut unterwegs sind.

Was war aus Ihrer Sicht im zurückliegenden Jahr für die Seat S.A. besonders herausfordernd?

Besonders hart war der Lockdown hier in Spanien, der viel früher losging als in Deutschland. Wir waren über Nacht gezwungen, die Firma abzustellen und mussten Notfallpläne erarbeiten. Glücklicherweise funktionierte unser Business Continuity Management. Wir mussten die Mitarbeiter mit Informationen zu COVID-19 versorgen und sie schützen. Ich denke, das haben wir im großen und guten Stile geschafft. Als die Produktion wieder anlief, konnten wird dadurch gut zurückkommen. Bevor es dann im November und Dezember richtig runterging. Wir haben unsere Produktion relativ schnell wieder auf Kammlinie fahren können. Und wir hatten den Vorteil, dass wir die neuen Modelle jetzt am Markt haben. Im Nachhinein betrachtet war es natürlich ein Rückschlag, in dem Moment, wo wir Fahrzeuge im Markt erfolgreich präsentieren wollten, fand eine Welle nach der anderen statt. Diese haben uns dazu gezwungen, die ganzen Markteinführungen virtuell zu machen, was eigentlich nicht ideal ist. Allerdings gewinnen wir momentan Marktanteile und auch der Zuspruch in Deutschland ist sehr positiv. Wir sehen uns auf dem richtigen Weg.

Gab es im abgelaufenen Geschäftsjahr etwas Positives, was Sie wirklich überrascht hat? 

Erst einmal, dass wir in der Lage sind, nicht immer im Büro sein zu müssen, sondern dass wir es auch online können. Wir waren innerhalb einer Woche in der Lage, mit 5000 Mitarbeitern virtuell im Homeoffice, über Skype oder Microsoft Teams arbeiten zu können. Da hat die IT einen richtig guten Job gemacht. Auch das gehört zum Thema Business Continuity Management; dass man in der Lage ist, mit dem gesamten Unternehmen von Zuhause aus arbeiten zu können, aber trotzdem online zu sein.

Ein weiterer Punkt ist, dass wir bei Virtualität und Digitalisierung mit dem Konzern und den Markenschwestern zusammenarbeiten und Skaleneffekte nutzen können. Darüber hinaus haben wir die IT und die Digitalisierung weiter ausgebaut. Wir haben inzwischen eine Digitalfirma namens SEAT:CODE mit 150 Mitarbeitern. Durch diese sind wir in der Lage, digitale Lösungen, nicht nur für das Fahrzeug, sondern auch für die Produktion und für interne Prozesse zu finden. So können wir einen Wertbeitrag für Seat und den gesamten Konzern bieten. Das stimmt mich sehr positiv.

Seat baut seine Marktanteile in Deutschland, zwar wegen COVID-19 gebremst, aber doch stetig aus und liegt in Österreich unter den „Top-Drei“. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Der Erfolg liegt offensichtlich am Design: „Designed in Barcelona“ – die mediterrane Sonne und Kultur inspiriert unsere Designer, die dann offensichtlich den Zeitgeist getroffen haben. Aber wir sprechen auch gezielt Kunden an, die nicht Mainstream sind. Ich sagte ja bereits, unsere Kunden sind jünger als der Durchschnitt. Die Kollegen, gerade in Deutschland und Österreich machen einen hervorragenden Job: Beispielsweise beim Thema „The Voice of Germany – Presented by Seat“. Auch hier sprechen wir die richtige Zielgruppe an: Junge Leute, die nicht immer nur Teil des Mainstream sind, sondern darüber hinaus neue Marken erkunden wollen. Cupra hilft uns an der Stelle ganz gewaltig. Zwischen Top-Off Volumen und Premium, aber doch irgendwie anders. Ich denke, dass man „anders und divers“ ist, ist das Stichwort für die Zukunft.

Zurück zur Marke Cupra: Welchen Effekt haben die Performance-Modelle auf Ihre Planung für 2021/2022?

Die Performancemodelle laufen wirklich gut an. Wir sind mit dem 310 PS-starken Cupra Formentor gestartet. Jetzt sind wir in der Lage, die ersten entsprechenden Plug-In-Hybridmodelle zu starten, die ebenfalls sehr gut anlaufen. Hätten wir sie etwas früher gehabt, hätten wir sicherlich auch im vergangenen Jahr einen deutlich besseren Start Richtung CO2-Emissionen gehabt. Wir sind mit den Cupra Modellen gut unterwegs und wollen das Volumen – verglichen mit 2020 – mindestens verdoppeln. Die ersten Indikatoren zeigen bereits, dass wir das erreichen können.

CO2 ist eine gute Überleitung. Für die neue Marke ist ein Weg zu performanceorientierten E-Modellen vorgesehen. Dabei wird natürlich auch der noch 2021 startende Cupra Born mit seinem emotionalen Design helfen. Was versprechen Sie sich speziell von ihm?

Wir denken, dass der Born den Weg in die elektrische Cupra Mobilität öffnet; aber auch wichtig für das gesamte Unternehmen ist. Letzte Woche gab es den ersten Cupra Anlauf in Zwickau, wo der Born gemeinsam mit dem ID.3 gebaut wird. Die Formensprache aber auch der Powerboost dieses Fahrzeugs sind Attitüden von einem Auto, das auch etwas neben dem Mainstream steht. Wir sind ziemlich progressiv in unserem Design und das wollen wir auch sein. Das heißt, wir wollen etwas produzieren, das nicht jeder mögen muss, aber genügend Leute lieben werden. Damit ist der Grundstein gelegt für noch weitere Cupra Modelle wie den Tavascan und andere Fahrzeuge.

Wir stehen vor dem Auftakt in die „Extreme E“, was versprechen Sie sich von dem Engagement?

Die „Extreme E“ ist für uns wirklich interessant, denn wir wollen zeigen, dass man überall auf der Welt elektrisch fahren kann. Dass elektrische Performance mit einem Cupra auch in der Antarktis oder den Regenwäldern Brasiliens möglich ist. Wir denken, das ist der richtige Weg. Wir haben die richtigen Partner und auch die richtigen Wettbewerber. Es ist eine kleine exklusive Gruppe, die auch die Meinung und den Mind-Set in die richtige Richtung bringen wird. Ich verspreche mir davon, dass sichtbar wird, dass man mit elektrischen Autos viele junge oder jung denkende Leute ansprechen kann. Dass Extremsport elektrisch sein kann und bestimmt nicht langweilig wird.

Daniel Abt ist Markenbotschafter für Cupra geworden, inwiefern trägt er mit seiner großen Fangemeinde in den Sozialen Medien dazu bei, den Wert der Marke zu steigern?

Wir erhoffen uns davon natürlich einen Boost. Es sind Leute wie Daniel Abt, die in den Sozialen Medien etwas bewegen können. Wir wissen, dass Social Media immer relevanter für junge Leute wird, wenn es darum geht, sich zu informieren oder zu amüsieren. Umso wichtiger sind für uns hier die richtigen Kooperationspartner. Daniel Abt hat einen Namen in der Szene, der uns helfen wird, Cupra nach vorne zu bringen. 

Wir haben bei der Seat S.A. Jahrespressekonferenz viel zu den Jahren 2021 (Produktaufwertungen Seat Ibiza und Arona, den Cupra Born), 2022 (Markteintritt in Australien) sowie zu 2024 (Cupra Tavascan) und 2025 (Urban Electric Car) gehört. Auf was dürfen wir uns 2023 freuen?

2023 wird ein „Jahr der Besinnung“ [lacht]. Wir werden selbstverständlich allen Modellen einen Feinschliff geben. Zudem wird die ein oder andere Produktaufwertung kommen, zu der ich leider jetzt noch nichts sagen kann. Aber im Wesentlichen müssen wir, nachdem wir nun so viel Geld in neue Modelle beider Marken investiert haben, erst einmal in den Markt und das „ernten“, was wir ausgegeben haben. Daher bereiten wir uns auf die nächste Welle vor, die bereits beschrieben wurde. Dieser Weg ist der richtige für beide Schwestermarken, um uns als Firma nach vorne zu bringen.

Welche Rolle für Ihre strategische Planung spielt denn dabei der im Wolfsburger Volkswagenwerk gebaute Seat Tarraco?

Der Tarraco ist ein wesentlicher Teil für unsere Elektrifizierung beziehungsweise Teilelektrifizierung. Er ist jetzt als Plug-In-Hybrid verfügbar. Wir sehen, dass die Volumina von Plug-In-Hybriden auch beim Tarraco ansteigen. Wir sind sicher, dass wir in den nächsten Jahren deutlich mehr Seat Tarraco verkaufen können, als bislang. 

Eine Produktaufwertung in 2023 wollen Sie an dieser Stelle noch nicht zusichern?

Das werden wir dann zu gegebener Zeit bekannt geben.

Abschließend eine persönliche Frage: In Zeiten in denen der Volkswagen Konzernchef Herbert Diess seinen temporären Dienstwagen, den Cupra Formentor, als „Batmobil“ bezeichnet hat, welches Modell der Marken Seat oder Cupra ist aktuell Ihr persönlicher Favorit?

Ich bin momentan auch ein „Batmobil-Jünger“. Ich fahre seit zwei Wochen einen Formentor-Hybrid und denke, das ist wirklich das Beste aus beiden Welten. Wenn man von einem sportlichen 310 PS-Formentor auf ein 150 kW [204 PS]-Hybrid-Modell umsteigt, ist dies ein ganz neues, anderes Fahren. Ich stelle fest, dass ich mein Fahrverhalten entsprechend auch ändere. Etwa dadurch, dass ich gucke, wie ich die reine Elektrifizierung des Fahrzeuges ausreize und trotzdem immer noch Spaß habe. Der Formentor-Hybrid ist ein tolles Auto.

Vorstand für Finanzen und IT bei Seat – Carsten Isensee. Foto: Seat.
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