Klassiker

Tradition 70 Jahre Mercedes-Benz 300 („Adenauer“ W 186 II bis W 189) – Keine Experimente beim Kanzler-Wagen

Im Volksmund ist er einfach der „Adenauer-Mercedes“, schließlich gab es kaum einen Termin, zu dem Konrad Adenauer als erster Kanzler der jungen Bundesrepublik nicht in einem Mercedes-Benz 300 eilte. Aber auch amerikanische Präsidenten und die High Society des Wirtschaftswunders schätzten den Komfort dieser schnellen Staatskutsche

Von Wolfram Nickel

Er wirkte unprätentiös neben den prunkvollen neuen Chrom-Kreuzern von Cadillac oder Chrysler, aber auch zierlich im Vergleich zu aufpolierten V8- und V12-Vorkriegskarossen, mit denen sich europäische Staatslenker und High Society damals gerne zeigten: Der im Frühling 1951 auf der ersten IAA in Frankfurt präsentierte Mercedes-Benz 300 (W 186 II) war eine Luxuslimousine, die vor allem durch innere Werte glänzte. So soll Bundeskanzler Konrad Adenauer, auf der Suche nach einem staatstragenden Dienstwagen, den damaligen Daimler-Benz-Konzernchef Wilhelm Haspel prompt in seinem rheinischen Dialekt gefragt haben: „Ham Se eijentlich nich wat Jrösseres?“ Haspel hatte nicht – zumindest vorläufig. Adenauer bestellte den knapp fünf Meter langen „Großen Mercedes“ trotzdem und blieb dieser Baureihe bis zu seinem Tod im Jahr 1967 treu. „Keine Experimente“, der legendäre Wahlkampfslogan der CDU galt für den deutschen Kanzler der Wirtschaftswunderjahre auch bei der Wahl seines Dienstwagens. Insgesamt sechs Fahrzeuge des in vier Evolutionsstufen (Mercedes 300 bis 300 d) gebauten Luxusliners mit laufruhigem und leistungsstarkem 3,0-Liter-Sechszylinder orderte Adenauer über die Jahre und beeinflusste dabei durchaus die technische Weiterentwicklung. So gab es den 1956 lancierten 300 c auch in einer Langversion, so wie sie der stets chauffierte Regierungschef präferierte. Keine Überraschung, dass dieser Benz im Volksmund bald nur noch Adenauer-Mercedes genannt wurde. Ein respektvoll gemeinter Rufname, der die weltweite Karriere des Typs 300 beschleunigte.

So diente der damals teuerste Sternträger – Basispreis im Jahr 1952 rund 20.000 Mark, vergleichbar den Baukosten für ein Siedlungshaus – auch König Gustav VI. Adolf von Schweden, Kaiser Haile Selassie von Äthiopien, dem Schah von Persien und Papst Johannes XXIII (300 d Landaulet) als Repräsentationsfahrzeug, und sogar die amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower und John F. Kennedy zeigten sich im offenen Mercedes 300 dem jubelnden Publikum. Nicht zu vergessen die Prominenten aus Film- und Showgeschäft, die sich das Mercedes-Flaggschiff als klassische Sechs-Fenster-Limousine, viertüriges „Cabriolet D“ oder als im Herbst 1957 vorgestellten Hardtop-Typ 300 d mit „pfostenloser Vollsicht-Karosserie“ in die Garage stellten. Perfekt für Sonderaufbauten prädestiniert war das Stuttgarter Spitzenmodell übrigens durch ein robustes Chassis in Form eines geschweißten Ovalrohr-X-Rahmens und ein Fahrwerk, das mit hinterer Zweigelenk-Pendelachse noch an Vorkriegskonstruktionen erinnerte. Damit bot die Staatskarosse sogar die Basis für Bestattungsfahrzeuge, ebenso wie manche Rolls-Royce-Modelle jener Ära.

Tatsächlich reüssierte der in Standardkonfiguration fünf- bis sechssitzige Mercedes 300 auch in Großbritannien, wo der anfangs nur 85 kW/115 PS leistende, aber 160 km/h schnelle Luxury von den Fachmedien mit Lob geradezu überschüttet wurde. Als „Spitze des gegenwärtig Möglichen“ beschrieb die britische Presse Fahrkomfort und Sicherheit des „big Benz“, der dort gegen eine Vielzahl von Rivalen antrat, allen voran der schnelle Jaguar Mark VII. In Nordamerika waren es ebenfalls die fahrdynamischen Qualitäten des regelmäßig leistungsgesteigerten Sechszylinders, die den Verkaufserfolg förderten. Im Jahr 1954, als die Bundesrepublik Deutschland das „Wunder von Bern“, den Sensationserfolg bei der Fußball-Weltmeisterschaft feierte, präsentierte Mercedes den modellgepflegten 300 b mit nunmehr 92 kW/125 PS. Vor allem aber legte der Motor die konstruktive Grundlage für das Kraftwerk des 1954 eingeführten legendären Flügeltürers 300 SL. Wer statt dieses Supersportwagens einen elitären Gran Turismo präferierte, konnte übrigens schon seit Ende 1951 zwischen 300 S Coupé, Cabriolet und Roadster für die große Reise wählen. Ultrateure Typen, die in Deutschland 34.500 Mark kosteten, in den USA so viel wie gleich drei Cadillac, und in Großbritannien wesentlich mehr als Rolls-Royce.

Ganz anders der viertürige „Adenauer-Mercedes“, diese in immerhin fast 11.500 Einheiten verkaufte Limousine konnten sich nicht nur Superreiche leisten. Vielmehr gönnten sich auch erfolgreiche Unternehmer das 1957 als 300 d (W 189) via Saugrohreinspritzung auf 118 kW/160 PS erstarkte Luxusauto zum Reisen und Rasen. Schließlich dienten schnelle und große Autos in den 1950er Jahren noch allgemein als sozial akzeptiertes Statussymbol, nicht nur für den Bundeskanzler. Allerdings war Adenauers Leidenschaft an raffinierter Repräsentation kaum zu übertreffen. So trug sein erster, im Dezember 1951 ausgelieferter Dienstwagen, das amtliche Kennzeichen 0-002, das hierarchisch eigentlich dem Bundestagspräsidenten Hermann Ehlers zugestanden hätte. Klar, dass Bundespräsident Theodor Heuss ebenfalls in einem Mercedes 300 (Kennzeichen 0-001) chauffiert wurde, aber dass auch mehrere Mitglieder seines Kabinetts wie Finanzminister Fritz Schäffer, Innenminister Robert Lehr und Wirtschaftsminister Ludwig Erhard und sogar der SPD-Vorsitzende Erich Ollenhauer im damals schnellsten deutschen Auto unterwegs waren, gefiel Adenauer gar nicht. Gleichwohl war er es, der als 14 Jahre amtierender Bundeskanzler und prägende Persönlichkeit in den Gründerjahren der Bundesrepublik, den Typ 300 zum Adenauer-Mercedes adelte.

Kaum ein Termin, den der Regierungschef ohne seinen Wagen wahrnahm, der durch Details wie eine Trennwand zwischen Fahrer und Fond, Funktelefon, Vorhänge, Klapptische, erhöhte Armlehnen sowie eine spezielle Fußauflage personalisiert worden war. Ob bei der Neun-Mächte-Konferenz in London 1954 oder beim Moskau-Besuch 1955, als Adenauer um die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen diplomatisch rang: Des Kanzlers schwarzer Dienstwagen fehlte nie, konnte er doch stets im Sonderzug mitreisen. Möglich machte das ein spezieller Eisenbahn-Waggon mit Drehbühne und Rampe, der maßkonfiguriert war für den 300, jenes rasch europaweit bekannte Symbol für das bundesdeutsche Wirtschaftswunder. Der Kanzler nutzte den 300 auch privat als rasendes Wohnzimmer – seinen Fahrer soll er oft mit den Worten „Jeben Se Jas!“ zu mehr Tempo aufgefordert haben – etwa auf dem Weg ins Urlaubsdomizil an den Comer See. So kamen schnell viele Kilometer zusammen, die der Mercedes problemlos absolvierte. Erst nach rund 160.000 Kilometern wurde Adenauers erster 300 ausgewechselt, um dann eine Gebrauchtwagenkarriere zu starten, ehe er 1994 als zentrales Exponat ins Bonner Museum Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland integriert wurde.

Sein sechstes und letztes Dienstfahrzeug – ein 300 d mit Vollsicht-Karosserie – erwarb Konrad Adenauer 1963 kurz vor dem Ende seiner Amtszeit direkt vom Bundeskanzleramt, und so war er auch als Altkanzler im gewohnten rollenden Salon unterwegs. Für den ebenfalls 1963 vorgestellten neuen Mercedes 600 interessierte sich Adenauer übrigens nicht besonders. Offenbar spürte er, dass dieser extrem teure technische Superlativ kein Kanzlerauto mehr sein konnte, sondern andere Aufgaben suchte.

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