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Panorama: Seit 70 Jahren im Dienste des Dreizacks – Signore Cozza und seine längste Liebe

Die Liebe zur Firma hat sogar die zu seiner Frau überlebt: Seit 1951 arbeitet Ermanno Cozza schon bei Maserati – und denkt auch mit 87 Jahren nicht im Traum ans Aufhören. Im Gegenteil: Der rüstige Rentner kann es kaum erwarten, endlich wieder aus dem Homeoffice zu kommen.

Von Benjamin Bessinger

Es war so etwas wie Liebe auf den ersten Ton. Denn seit Ermanno Cozza als Pennäler in den Pausen die Rennwagen über die Piste des Autodromo hinter dem Schulhof hat fliegen hören, war es um den Ragozzo aus der Emilia Romagna geschehen. „Da wusste ich, dass ich später etwas mit Autos machen wollte.“ Und weil Cozza aus Modena kam, gab es für ihn eigentlich nur einen Arbeitgeber: Maserati. Das hat er schon im Alter von kaum zehn Jahren gewusst, als er beim Spielen mal einen Ball über den Zaun eines nahen Anwesens geschossen und danach den Patron Adolfo Orsi getroffen hat, der den Gebrüdern Maserati kurz zuvor ihre Firma abgekauft hat. „Da nahm ich allen Mut zusammen, und habe ihm gesagt, dass ich bei ihm arbeiten wolle“, erinnert sich der 1933 geborene Cozza. Zwar hat Orsi den Jungen erstmal mit einem Lachen zurück in die Schule geschickt, doch zehn Jahre später hat das Schicksal sich an Cozzas Vorgaben gehalten, von seinen vielen Bewerbungen hatte ausgerechnet die an Maserati Erfolg und am 28. Oktober 1951 hatte der 17-jährige Cozza seinen ersten Arbeitstag in der Werkstatt.

Auch wenn er seit über 20 Jahren offiziell in Rente ist, kommt er jeden Mittwoch von 14 bis 19 Uhr in die Via Ciro Menotti, um sein Wissen zu dokumentieren und das Archiv zu pflegen. Foto: Maserati.

Das ist jetzt ziemlich genau 70 Jahre her und seitdem hat Cozza nicht nur für keine andere Firma gearbeitet, sondern mit der Arbeit auch nicht aufgehört – dabei ist er mittlerweile 87 Jahre alt und deshalb mit weitem Abstand der älteste Mitarbeiter in der Viale Ciro Menotti. „Wen der Dreizack einmal gestochen hat, der kommt davon einfach nicht mehr los“, sagt Cozza mit einem Lächeln über die Liebe seines Lebens. Eine Liebe, die sogar stärker war, als die zu seiner Frau. Zwar hat er für ein paar Jahre kürzer getreten mit der Arbeit, als seine Ehefrau krank wurde. Doch selbst in den schwersten Zeiten ist er einen Nachmittag pro Woche ins Büro gegangen, nur um mal auf andere Gedanken zu kommen. Und als Witwer hat er diese Routine beibehalten: Auch wenn er seit über 20 Jahren offiziell in Rente ist, kommt er deshalb jeden Mittwoch von 14 bis 19 Uhr in die Via Ciro Menotti, um sein Wissen zu dokumentieren und das Archiv zu pflegen. „Ich bin vielleicht Rentner, aber keineswegs im Ruhestand“, schickt er mit fester Stimme hinterher und man meint selbst hinter dem Corona-Mundschutz ein breites Grinsen zu sehen. Kein Wunder, dass er ein Ende des Lockdowns herbeisehnt, damit er endlich wieder zurück kann in „seine Firma“. 

Angefangen hat er seine Karriere in der Werkstatt und am Motorenprüfstand. Foto: Maserati.

Angefangen hat er seine Karriere in der Werkstatt und am Motorenprüfstand, hat dann in der Entwicklung gearbeitet, in der Dokumentation und im Vertrieb, hat an Rennmotoren mitgeschraubt und Reklamationen abgearbeitet. Und weil er mittlerweile ein wandelndes Lexikon ist, hat er zuletzt das Archiv aufgebaut. Denn keiner kennt sich so gut aus mit der Marke und ihren Modellen wie der seriöse Senior mit dem akkuraten Haarschnitt und dem eleganten Anzug, der auch im hohen Alter noch mit festem Schritt durch die Empfangshalle eilt. Cozza kennt allerdings nicht nur die technischen Details jedes Autos, alle Rennergebnisse und alle Werksfahrer. Niemand kennt auch die wechselvolle Geschichte des Unternehmens so gut wie der Archivar, die vielen Höhen und Tiefen, die Maserati unter seinen zahlreichen Eigentümern durchlitten hat – von der Übernahme durch die Familie Orsi über die Zeit unter DeTomaso und Citroen bis hin zu der Zeit, als Maserati bei Fiat angedockt hat und von Ferrari unter die Fittiche genommen wurde. 

Signore Cozza hat in Diensten seiner Firma mittlerweile die halbe Welt gesehen, hat mit berühmten Rennfahrern wie Juan Manuel Fangio gearbeitet und Prominente wie Luciano Pavarotti betreut. Foto: Maserati.

Aber auch wenn er zu jeder Epoche eine sehr fundierte Meinung hat, ist Signore Cozza viel zu höflich und treu, um diese mit anderen zu teilen. Nur ausgerechnet auf Ferrari-Chef Luca die Montezemolo lässt er nichts kommen, weil der die neue Tochter respektiert, gehegt und gepflegt habe. „Und solch warme Worte über einen von „den Roten“, das ist in Modena schon etwas Besonderes. Denn dass sich einer von Maserati hier überhaupt über Ferrari äußert, grenzt an ein Wunder, so tief sind die Gräben zwischen den beiden Kindern der gleichen Stadt. „Ferrari ist für jemanden aus der Maserati-Welt so weit weg wie ein anderer Planet, dabei liegen zwischen den beiden Firmen heute kaum mehr als 20 Kilometer“, beschreibt Cozza die Rivalität zwischen den beiden Traditionsmarken, die schon in seinen Tagen bis in den Kindergarten reichte: „Man war Fan der einen oder der anderen, und das blieb man sein Leben lang.“ 

Zwar hat Signore Cozza in Diensten seiner Firma mittlerweile die halbe Welt gesehen, hat mit berühmten Rennfahrern wie Juan Manuel Fangio gearbeitet und Prominente wie Luciano Pavarotti betreut. Doch eines hat der dienstälteste Mitarbeiter Maseratis im Leben nicht geschafft: Er hat nie eines jener Autos besessen, für die er seit über 70 Jahren so leidenschaftlich brennt. Dabei weiß er genau, welches ihm am liebsten wäre, sagt Cozza und beginnt eine Schwärmerei über den zeitlos schönen 3500 GT, mit dem er seinerzeit die ersten Testfahrten absolviert hat. Ein Grund zur Enttäuschung ist das aber für ihn aber nicht, ja nicht einmal sein charmantes Lächeln leidet bei dieser Feststellung. Denn da hält es der PS-Pensionär im Unruhestand mit einem Sprichwort, das in Modena jeder kennt: „Der Schuster trägt keine Schuhe“.

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