Klassiker

VW-Bus: 65 Jahre Bulli-Produktion in Hannover.

Von Fynn Göttsche

Hannover hat mit so einigen Vorurteilen zu kämpfen. Besonders aus Ostniedersachsen schwingt der Landeshauptstadt einiges an historischer Rivalität entgegen. Manch Braunschweiger hat es bis heute nicht verwunden, dass die ehemals getrennten Länder heute unter hannöverscher Herrschaft stehen. Diese Rivalität findet sich nicht nur im Fußball, sondern auch gern bei Niedersachsens größtem Arbeitgeber – Volkswagen. Der Weltkonzern aus Wolfsburg rühmt sich gern seiner besonderen Rolle der Belegschaft im Stammwerk. Erst kürzlich fiel diese dem Konzernchef Herbert Diess auf die Füße, der die lokale Leitung der „Niedersachsen-Fraktion“ übergab. Die niedersächsische Belegschaft widmet sich derweil gern weiterhin fröhlich ihrer internen Scherzchen. Lieblingsopfer des Wolfsburger und Braunschweiger Spottes ist – Sie ahnen es – Hannover. Und das nun seit genau 65 Jahren. „Die Nutzlosen“ heißt es dann aus „Peine-Ost“ liebevoll, wenn es um die Volkswagen Nutzfahrzeuge (VWN) geht. Und dennoch wäre Volkswagen nicht das, was es heute ist, ohne die Tochter aus Hannover.

Das Volkswagen-Werk in Hannover-Stöcken. Foto: Volkswagen.

Der Standort der Volkswagen Nutzfahrzeuge in Hannover Stöcken wurde am 8. März 1956 eröffnet. Zuvor war in nur einem Jahr ein riesiges Werk auf 1,1 Millionen Quadratmetern entstanden. Heute geradezu unvorstellbar. Herzstück der Produktion ist eine Volkswagen Ikone. Der Bulli oder auch VW-Bus. Das Fahrzeug, das eigentlich Transporter heißt, macht mit 9,2 Millionen Stück den Löwenanteil der bisher 10,3 Millionen Einheiten aus, die aus den Stöckener Werkshallen rollte. So wie sich der Standort in 65 Jahren immer neu erfinden musste, musste es auch der Bulli. Mit dem vollelektrischen ID.BUZZ rollt ab 2022 der moderne Nachfolger vom Band. Dieser erinnert optisch sogar an den Ur-Bulli.

Buzz und Bulli. Der Bezug zum Original bleibt erkennbar. Foto: Volkswagen.

Doch damit Bulli und Buzz vom Band rollen, sind aufwändige Modernisierungen nötig. VWN-Vorstand für Produktion und Logistik Josef Baumert verdeutlicht: „Für unsere neuen Produkte modernisieren wir das Werk grundlegend – und das bei voller Fahrt, ohne die laufende Produktion zu unterbrechen.“ Der Karosseriebau für den neuen Multivan steht schon, für den ID. BUZZ befindet er sich gerade im Aufbau. Über 1.300 Roboter werden hier künftig eingesetzt. Baumert zur zukünftigen Produktion: „Ab 2022 laufen in unserer Montage auf nur zwei Linien drei Fahrzeuge, jedes basiert auf einer anderen Plattform. Damit haben wir die Grundlage für eine erfolgreiche Zukunft in Hannover geschaffen.“ Parallel zum ID.BUZZ wird der Transporter weiterentwickelt. Der kommende T7 wird auf Basis des konzerneigenen Modularen Querbaukasten gebaut.

Außer den Bulli bauten die Stöckener in den Jahren 1974 und 1975 43.000 Käfer. Zwischen 1975 und 2003 liefen 810.200 LT1 und LT2 von Band. 1989 startete die Taro-Produktion, die bis 1995 anhielt und 61.000 Einheiten fertigte. In den acht Jahren von 2012 bis 2020 baute die Belegschaft zudem 176.500 Amarok.

Dem Bau des hannöverschen Werkes ging eine bundesweite Ausschreibung voran. Insgesamt bewarben sich 235 Kommunen als Standort für die Fabrik, die den Wolfsburger Stammsitz bei der Bulliproduktion entlasten sollte. Die relative Nähe zu Wolfsburg und die Lage am Mittellandkanal gaben schließlich den Ausschlag zugunsten Hannovers. Dann verloren die Bauherren keine Zeit und begannen die Errichtung des neuen Werkes im tiefsten Winter des Jahres 1954/1955. 372 Arbeiter bereiteten die Baustelle vor. Bereits im März taten mehr als 1000 Mann dort ihren Dienst. Nach der schneereichen Jahreszeit folgte ein umso schwierigeres Tauwetter, dass den Baugrund aufweichte und mit Bohlenwegen gesichert werden musste. Sonst wären die Materiallieferungen im Schlamm versunken. Auf der Baustelle selbst wuchs eine kleine Stadt heran. Versorgungs- und Unterkunftsbaracken, Baubüros, Kantinenzelte aber auch Verkaufsbüdchen entstanden in Rekordzeit. Trotz der Wetterkapriolen standen nach zwölf Wochen die Grundmauern schon vier Meter hoch. Dank 22 Mischmaschinen und 28 Kränen, wuchsen die Strukturen stetig weiter. Täglich wurden 5000 Kubikmeter Beton angemischt. Insgesamt bewegten die Arbeiter 1,75 Millionen Kubikmeter Erde, was damals 256.000 Lastwagenladungen entsprach. Für den Betonguss brauchten Bauarbeiter 600.000 Quadratmeter Schalholz. Ein Journalist schrieb damals, es reiche für einen Holzsteg von Wolfsburg bis Basel, der einen Meter breit sei. Sogar ein zehn Kilometer langer Bahnanschluss wurde gelegt.

Die Großbaustelle. Foto: Volkswagen.

Damit die Produktion im Werk auch ohne Verzögerung starten konnte, begann Volkswagen früh mit der Schulung des Personals. Jeden Tag fuhr frühmorgens um 4:10 Uhr ein Sonderzug von Hannover nach Wolfsburg, um die Belegschaft dort in die Bulli-Produktion einzuweisen. Zu Werksöffnung standen bereits 4000 Angestellte zur Verfügung. Heute sind es übrigens 15.000. Von der Eröffnung am 8. März 1956 bis zum Ende der ersten Transporter-Generation im Jahr 1967, baute die Belegschaft rund 1,8 Millionen Bulli. Nicht nur, dass die erste Generation des Bulli auslief, so wurde im selben Jahr auch noch, nicht wirklich zur Freude der Hannoveraner, Lokalrivale Eintracht Braunschweig deutscher Fußballmeister…

Heute ist der Bulli Symbol einer Generation und eines Lebensgefühls. Untrennbar mit dem Wirtschaftswunder oder aber der Hippiebewegung verbunden. Viele Handwerker und Kaufleute begannen ihren wirtschaftlichen Aufstieg in den 1950er und 1960er Jahren mit einem Volkswagen Transporter. Ob für Sportmannschaften oder Urlauber, war der Bulli die Grundlage der eigenen Unabhängigkeit. Bis heute lebt dies im inzwischen gebauten T6.1 fort. Der bald gebaute T7 und der ID.BUZZ treten in große Fußstapfen.

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