Aktuelles

Die Zukunft ist weiblich. Auch beim Automobil.

Von Fynn Göttsche

Frauen und Autos. Seit jeher ist dieses Thema ein Quell unzähliger schlechter Witze und noch dümmerer Vorurteile. „Frau am Steuer – Ungeheuer“ tönt es dann von so manchem Stammtisch und die Gruppe feiert sich dessen, vermeintlich in etwas besser zu sein, als ihre Frauen. Da der Stammtisch nicht die echte Welt ist, liegt nahe, dass die Statistik das Gegenteil beweist. Frauen fahren weit sicherer und weniger aggressiv als ihre männlichen Pendants. Sie bauen weniger Unfälle und sitzen auch bei Trunkenheitsfahrten seltener am Steuer. Wie das Statistische Bundesamt in seinem Jahresbericht belegte. Doch solche Dinge wie Fakten sind in unserer heutigen Zeit ja ohnehin nicht relevant. Schon gar nicht am Stammtisch; wo doch jeder seine „alternativen Fakten“ vorlegen kann. Da wird weiter fröhlich geschimpft und gemotzt. Doch Abseits der bierseeligen Runden aus Männlichkeit und vermeintlicher Fahrkunst eroberten die Frauen ihren Platz in der Automobilwelt zurück. Wieso zurück?

Es begann mit Bertha Benz, derjenigen Frau, die maßgeblich den Erfolg des von ihrem Mann Carl entwickelten Motorwagens zu verantworten hatte. Sie war der erste Mensch, der ein Automobil weiter als über kurze Teststrecken bewegte. Eine Fahrt im Sommer des Jahres 1888 über 106 Kilometer von Heidelberg nach Pforzheim – mit eben jener Erfindung – gilt als der große Marketingcoup der noch jungen Technik. Andersherum wäre es aber auch kaum möglich gewesen. Denn Frauen war ein Ingenieurstudium noch weitestgehend verwehrt. In der Folge wurde die Automobilwelt dennoch eine Männerdomäne. Männer studierten Technik oder saßen als vermeintliche „Haushaltsvorstände“ am Steuer. Den Erwerb eines Führerscheins verboten einige dieser Herren gar ihren Ehefrauen aus Angst vor zu viel Selbständigkeit. Frauen am Steuer blieben lange eine Seltenheit. Autofahren geziemte sich nicht für eine Dame. Zeiten die heute glücklicherweise der Vergangenheit angehören. Zumindest größtenteils, denn mit dem erzkonservativen Königreich Saudi-Arabien, erlaubte vor zwei Jahren auch das letzte Land Frauen das Fahren eines Kraftfahrzeugs und steckt sie nicht mehr wie zuvor dafür mehrere Jahre ins Gefängnis. 

Bertha Benz und ihre Söhne mit dem Motorwagen, der die Welt verändern sollte. Bild: Mercedes-Benz.

In Deutschland und Europa ist das Bild der autofahrenden Frau bereits seit Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit. Auch wenn der Stammtisch weiter seine Sprüche klopft, so haben Frauen einen immer größeren Anteil am Straßenverkehr. Und das nicht nur als klischeebeladene „Muttikutsche“, „Pamperspanzer“ oder im Kleinwagen für den Weg zur Arbeit. Frauen haben Fahrspaß und Dynamik für sich wiederentdeckt. Punkte wie Design, Leistung und Performance treten auch bei den Fahrerinnen zunehmend dem tumben Zweck, von A nach B zu fahren, entgegen. Frauen können Benzin im Blut haben, sich an PS erfreuen und mehr in einem Pkw sehen als dessen Stauraum und Preis. Manch Stammtischphilosoph mag dies bis heute leugnen, doch die Marketingabteilungen der Hersteller haben dies bereits erkannt. Eine zunehmende Abkehr von auf Männer zugeschnittener Werbung ist erkennbar.

Auch im professionellen Bereich werden Frauen sichtbarer. Nach einzelnen Teilnahmen von Fahrerinnen im Motorsport in den zurückliegenden Jahrzehnten wird das Feld heute zunehmend weiblicher. Nicht nur auf der Strecke, sondern auch daneben bei Fans und Fahrern. Die neue vollelektrische Rallyeserie Extreme-E, die im April 2021 startet, geht sogar mit komplett paritätisch besetzten Fahrerteams an den Start. Passender Weise findet der Kick-Off der Rennserie in Saudi-Arabien statt. Ein deutliches Zeichen, dass Frauen dort um Trophäen kämpfen können, wo sie vor zwei Jahren dafür noch hart bestraft worden wären.  

Bei der Extreme E sind die Cockpits paritätisch besetzt. Los gehts zu Ostern in der saudischen Wüste. Vor wenigen Jahren währen die Fahrerinnen dafür noch im Gefängnis gelandet. Foto: Extreme E / Jordi Rierola

Doch es ist nicht einfach so, dass Frauen genau das Gleiche mögen wie Männer. Auch wenn sie zunehmend Bereiche erobern, die lange als Männerdomäne galten. Durch unterschiedliche Lebensrealitäten sind ihnen andere Dinge beim Autokauf wichtiger – zumindest im Durchschnitt der Statistik. Seit zwölf Jahren gibt es deshalb den „Womens World Car of the Year Award“. Dieser wird pünktlich zum Weltfrauentag am 8. März verliehen. Eine internationale Jury aus 50 Automobil-Journalistinnen aus 38 Ländern aller fünf Kontinente vergibt diesen Preis in neun Kategorien. Beachtet wurden die Bereiche Komfort, Technik, Preis-Leistungs-Verhältnis und Sicherheit.

Das Women’s World Car of the Year wird von Frauen ernannt. Bild: WWCOTY

Künftig wird die Bedeutung der Frauen in der Automobilwelt also weiter zunehmen. Als Kundinnen entscheiden sie bereits immer häufiger über ihr Auto und fahren nicht etwa nur das Fahrzeug ihres Mannes. Mehr und mehr Fahrerinnen sitzen bei Motorsportserien hinterm Steuer und die Zahl der weiblichen Fans steigt ebenso. An den Technischen Universitäten und in den Automobilwerkstätten steigt die Zahl der Studentinnen sowie der Auszubildenden, welche die Automobilwelt zu ihrem Beruf machen wollen. In den Führungsetagen der Autobauer kämpfen sich erste Frauen an die Spitze und auch in den Entwicklungsabteilungen treten – beispielsweise bei Crashtests – weibliche Insassen in den Fokus. 

Die Zukunft des Automobils ist elektrisch, autonom und vernetzt. Zweifellos wird sie auch etwas weiblicher. 

%d Bloggern gefällt das: