Aktuelles Fahrbericht

Elektrischer GT mit Suchtfaktor

Innerhalb des Volkswagen Konzerns soll Audi künftig mit dem Projekt „Artemis“ das autonome Fahren vorantreiben. Konträr dazu bringen die Ingolstädter aber auch pure Fahrspaß-Mobile neu an den Start. Mit dem e-tron GT setzt die Marke mit den vier Ringen ein Statement.

Björn-Lars Blank

Ein Gran Turismo ist ein klassischer Fahrzeugtyp: Er kombiniert die Leistung von Sportwagen mit dem Komfort für Langstrecken. Passend für eine große Tour soll er sein, der Gran Turismo. Audi interpretiert den Gran Turismo mit dem e-tron für die Gegenwart der E-Mobilität neu. Doch wie gut sind e-tron GT quattro und sein noch sportlicherer Bruder RS e-tron GT? Die automobile Fachpresse ist angetan. Bei einer Testfahrt um Hamburg kann der Autor selbst einen ausführlichen Eindruck von dem elektrischen GT erhalten.

Das Spitzenmodell der GT-Reihe ist der RS e-tron GT. Mit einer Leistung von 598 PS ist der schnittig gestaltete Viersitzer schon von der Papierform ein Top-Athlet. Dieser Eindruck bestätigt sich beim Fahren. Besonders die Beschleunigung sorgt für Kribbeln in der Magengrube. Mit „Boost“ sprintet der Elektro-GT in 3,3 Sekunden von null auf 100 Stundenkilometer. Und auch jeder Zwischenspurt, etwa auf der Autobahn, bringt einen „Wow-Effekt“ mit sich. Für zweieinhalb Sekunden stehen gar 646 PS zur Verfügung. Schluss mit Vortrieb ist erst bei abgeriegelten 250 Stundenkilometern. Mit der Leistung kommt auch die Pflicht zur besonderen Achtsamkeit. Schließlich müssen sich auch andere Verkehrsteilnehmer erst an die rapide und enorme Leistungsentfaltung von sportlichen E-Fahrzeugen gewöhnen. Schnell, aber ruhig und gelassen geht es von der Autobahn runter auf die Landstraße in Richtung Geesthacht. Das adaptive Fahrwerk spielt hier seine Vorzüge aus. Im RS ist diese serienmäßig: Die Karosserie kann über die Luftfederung um 22 Millimeter nach unten und um 20 Millimeter nach oben positioniert werden, passend zur Fahrsituation. Die Sportlichkeit erfüllt die besonderen Erwartungen, die der Name „RS“ von Audi suggeriert – und die traditionell bei „Petrolheads“ hoch im Kurs steht. Der erste vollelektrische Sport-GT aus dem Hause Audi braucht sich hier nicht zu verstecken und ist ein legitimes RS-Familienmitglied.

Mit 476 PS etwas schwächer als der RS motorisiert, aber immer noch sehr sportlich, ist der e-tron GT quattro. Der elektrische quattro-Allradantrieb sorgt bei ihm ebenfalls für Vortrieb. Er hat nicht die Vehemenz des RS. An Fahrspaß mangelt es aber auch hier nicht. Wenn man denn freie Fahrt hat. Im Stadtverkehr der Hansestadt mit Stop and Go bleibt Zeit, um den Blick durch das Interieur wandern zu lassen. Der modern anmutende Innenraum ist gefällig. Das Infotainment-System ist auf den Fahrer hin ausgerichtet. Auf Wunsch sind selbst die Sportsitze aus nachhaltigen Materialien hergestellt. Kleine Kritikpunkte: Das Lenkrad hätte eine noch sportlichere Optik verdient gehabt. Die Handyablage ist nichts für „Grobmotoriker“.

Donnerndes Grollen aus Acht-Zylindern war einmal: Ein Elektroflitzer hat allgemein einen sehr leisen Sound. Um die Fahrgeräusche stimmig zur Fahrleistung zu gestalten, hat sich Audi den Sportsound einfallen lassen. Und tatsächlich: Der künstlich erzeugte Klang spiegelt die Sportlichkeit des Fahrzeugs je nach Fahrsituation gut wider. Der hier subjektive Eindruck ist, dass es den Fahrspaß unterstreicht. Es bleibt Geschmackssache. Wer sich nicht von dem Gedanken trennen kann, dass der Sound künstlich ist, dürfte eher nicht zu diesem optionalen Paket greifen. Ein Knackpunkt bei der E-Mobilität ist das Laden. Auf der Testfahrt war kein Aufladen notwendig. Wer nachladen muss, kann dies zwischen elf und 270 Kilowatt über Wechsel- oder Gleichstrom erledigen. Der Stromverbrauch deckte sich in etwa mit den Werksangaben. Die Reichweite ist nach WLTP mit bis zu 487 Kilometern angegeben. Beim RS-Modell sind es maximal 472 Kilometer – wenn der Fahrer der puren Freude am Beschleunigen oft genug widersteht. Als Zielmärkte für den Elektro-GT hat Audi Nordamerika fest im Blick. Die USA und Kanada sollen 50 Prozent des Absatzes ausmachen. In Europa soll der e-tron GT vor allem in Deutschland, Großbritannien und den Benelux-Staaten für Wirbel sorgen. Was so gut klingt, muss auch einen Haken haben. Der liegt im Preis: Mit 99.800 Euro für den e-tron GT quattro und 138.200 Euro für den RS e-tron GT sind beide Versionen nicht für Jedermann erschwinglich. Das Attribut „Traumauto“ darf man dem ersten elektrischen Gran Turismo also getrost verleihen.

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