Fahrbericht

Panorama: McLaren Elva in Monaco – Stürmische Zeiten auf dem Boulevard

Nirgendwo in Europa ist die PS-Dichte so groß wie in Monaco. Denn selbst mitten im Lockdown stauen sich auf dem Platz vor dem Casino die Luxusautos. Wer dort auffallen will, braucht schon einen Formel1-Rennwagen – oder den neuen McLaren Elva, der dem F1-Gefühl näherkommt als jedes andere Auto.

Von Benjamin Bessinger

Das Personal im Hotel de Paris in Monaco ist so leicht nicht zu beeindrucken. Denn die Avenue de Monte Carlo zwischen dem Casino und der Nobelherberge nebenan ist so etwas wie der Boulevard der Eitelkeiten für die europäische PS-Elite – nirgendwo sonst auf dem Kontinent kommen mehr Luxusautos und Supersportwagen zusammen als auf dem schmalen Parkstreifen zwischen den beiden Zuckerbäcker-Bauten, und selbst mitten im Lockdown sieht mehr hier mehr Lamborghini als Lexus und mehr Ferrari als Fiat. Kein Wunder, dass sich die Hotel-Pagen weder nach einem Porsche umdrehen noch nach einem Bentley. Es muss deshalb schon ein ganz besonderes Auto sein, wenn selbst das Personal neugierig den Kopf dreht und verstohlen die Handys zum Fotografieren zückt – zum Beispiel der McLaren Elva. 

Dass der Wagen schon ohne die Typenschilder aus Weißgold oder Platin 1,7 Millionen kostet, qualifiziert ihn hier Monaco noch nicht zum Hingucker, genauso wenig wie die auf – Corona sei Dank – von ursprünglich 399 auf mittlerweile 149 Exemplare herunter geschraubte Gesamtproduktion. Und mit 815 PS ist man hier zwar vorne dabei, aber noch lange nicht in der Pole Position. Doch was hier alle Blicke fängt, dass ist der Bikini aus Karbon, in den die Briten ihren neuen Tiefflieger gehüllt haben. Denn keine andere Karosserie ist derart knapp geschnitten wie die des Elva. 

Dass dieses Auto seine Jungfernfahrt ausgerechnet in Monaco absolviert, passt gut. Denn Elva, französisch für „Elle Va“ („Sie fährt“), war der Name jener Rennwagen, mit denen Bruce McLaren seine ersten Siege eingefahren hat, und in Monaco war es, wo der Firmengründer 1962 zum ersten Mal bei einem Formel-1-Grand-Prix ganz oben auf dem Treppchen stand. Gut 60 Jahre später fühlt sich der Beginn der Testfahrt ganz ähnlich an. Nicht nur, weil die Strecke die gleiche ist wie damals und der Elva mit brüllendem Motor und quietschenden Reifen durch die Mirabeau-Kurven, die Haarnadel vor dem Grand Hotel und die Rascasse fährt. Sondern auch, weil einem dabei der Wind so um die Ohren pfeift, wie er damals Bruce McLaren um die Ohren gepfiffen hat. Denn der Elva ist kein Sommerauto für Sonntagsfahrer, sondern der mit Abstand radikalste Roadster der Saison – ohne Dach und ohne Seitenfenster und vor allem ohne Frontscheibe erobert den Boulevard der eiligen Eitelkeiten buchstäblich im Sturm.

Schon in der Stadt zerrt einem der Fahrwind deshalb so fest an den Haaren, dass die Kopfhaut zu kribbeln beginnt. Und so gerne man in die allgegenwärtigen Kameras lächeln würde, lässt man die Lippen lieber geschlossen, weil man sonst ständig die Fliegen aus den Zahnlücken puhlen muss. Doch jenseits des Ortschilds droht ein Orkan, der einem gleich auch noch die letzten Locken rauben wird – schade eigentlich, dass Monaco so klein ist und jede Avenue nach fünf Minuten unweigerlich zur Landstraße wird. Erst recht, wenn das Navigationssystem auf „La Turbie“ programmiert ist. Dann nämlich schlängelt sich eine enge Piste das Küstengebirge hinauf, kreuzt die legendären Corniches und gewährt dem Elva jenen Auslauf, auf den die acht Zylinder im Heck nur gewartet haben. Denn hier können die 815 PS und 800 Nm beweisen, welch leichtes Spiel sie mit dem Elva haben, der mit seinen 1.148 Kilo das leichteste Straßenauto der Briten ist: 0 auf 100 in 2,8 Sekunden, 200 km/h in 6,7 Sekunden und bei Vollgas 328 km/h – dagegen sieht selbst der famose Senna blass aus, weil er einen Zentner mehr auf die Waage bringt. 

Nur der befürchtete Orkan bleibt erst einmal aus: Zwar haben die Briten gemeinsam mit amerikanischen Spezialkräften eigens für den Senna eine Schutzbrille entwickelt, die auch Steinschlag bei Vollgas aushält, und wer wirklich auf Nummer Sicher gehen will, findet unter der Heckklappe und im Fußraum des Beifahrers zwei maßgeschneiderte Helme aus dem Windkanal. Doch vor allem überrascht der Elva die eiligen Selbstdarsteller mit einem einzigartigen Windabweiser: Bei Tempo 50 fährt weit vorne im Bug ein 15 Zentimeter großes Schild aus und unter dem Wagen öffnet sich ein Windkanal. Der saugt den Fahrtwind ein, beschleunigt ihn und leitet ihn so über den Wagen, dass die Insassen wie in einer Blase in relativer Ruhe reisen können. Natürlich zupft es trotzdem ein bisschen an den Locken und mit Flüstern ist eine Unterhaltung nicht im Gang zu halten. Doch während draußen Windstärke 12 tobt, weht drinnen nur ein laues Lüftchen. Wobei die Grenzen zwischen drinnen und draußen bei so einer rasenden Badewanne auf Rädern eher fließend sind. Schon auf der Landstraße bekommt man deshalb einen Eindruck, wie sich Bruce McLaren in seinem Formel 1-Rennwagen gefühlt haben mag, und wenn man auf der Autobahn mal kurz über die Stränge schlägt, verfestigt sich dieses Gefühl und es wächst der Respekt vor all jenen, die im offenen Auto Vollgas geben.

Aber selbst, wenn bei 200 km/h Schluss ist mit dem Schutz und alles darüber nur ohne Windabweiser machbar ist, weil dann alle Luft für die Kühlung des Motors benötigt wird und McLaren die Kunden so sicherheitshalber doch zum Helm zwingen will, ist das natürlich kein Vergleich. Denn die Testfahrt mit dem Elva mag einem bisweilen den Atem rauben, sie ist rasend schnell und man erlebt dieses Tempo so intensiv wie mit kaum einem andren Auto. Und selbst in PS-Hochburgen wie Monaco stiehlt man damit allen die Schau. Doch so ganz kommt stürmische Brite natürlich trotzdem nicht ans Formel-1-Feeling heran, erst recht nicht, wenn man ihn mit dem Bruce McLarens Cooper-Climax von 1962 vergleicht, sondern mit dem aktuellen Dienstwagen der Herren Norris und Sainz. Aber dafür hat der Elva einen entscheiden Vorteil: Während ihr MCL35 hier im Fürstentum nur an einem Wochenende im Jahr auf die Straße darf, ist der Elva hier ein Auto für alle Tage – zumindest, solange die Sonne scheint. Denn während Briten dem Wind ein Schnippchen schlagen, haben sie im Elva gegen den Regen auch kein Rezept. Aber anderseits. Wer sich ein Auto für 1,7 Millionen Euro leisten kann, muss nicht nach dem Wetter schauen – denn der hat es längst auf die Sonnenseite des Lebens geschafft.

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