Driving Times SERIE Klassiker

Overdrive – zwei Gangster auf der Jagd nach dem teuersten Auto der Welt.

Manche sind Kult und viele werden zu Ikonen – Automobile und Filmproduktionen stehen oftmals in einer Symbiose zueinander. Driving Times hat sich deshalb 36 automobile Klassiker herausgesucht, die nicht zuletzt durch ihre Auftritte in Kinohits, Blockbustern und TV-Serien enorme Bekanntheit oder gar Kultstatus erlangt haben. Heute im Programm der Bugatti Type 57 Atlantic aus Overdrive.

Von Fynn Göttsche

Manchmal geht es in einem Film gar nicht um die Handlung oder die Darsteller oder gar die Spezialeffekte. Manchmal geht es einfach nur um Autos. Wer nun an seichte Unterhaltung mit Knall und Peng á la „The Fast and the Furious“ denkt, der liegt falsch, denn es geht um Overdrive.

Der Trailer zu Overdrive.

Overdrive ist ein französischer Action-Thriller aus dem Jahr 2017, in dem zwei Brüder ein teures Auto stehlen wollen. Dieses gehört leider einem Mafiaboss, der sie dabei erwischt und dazu zwingt, ein vermutlich noch teureres Auto von dessen Rivalen zu stehlen. Ein eher mäßiger Plot, der zwar ein paar Wendungen aufweist, aber am Ende auch erklärt, warum dem Film nicht wirklich ein großer Erfolg beschieden war. Doch geht es uns hier nicht um massentaugliche Kinounterhaltung, sondern um des Menschen besten Freund seit dem Hund: das Auto. Und davon gibt es viele in diesem Film. Nicht etwa hochgetunte, bunte Karnevalskarren, wie in der x-ten Neuauflage von „The Fast and the Furious“, sondern Klassiker, Preziosen, Meilensteine und ohne Übertreibung das vermutlich teuerste Auto der Welt. 

Zahlreiche automobile Klassiker kommen in Overdrive vor. Foto: Universum Film.

Besondere Automobilklassiker, die den Zuschauer in Overdrive erwarten, sind etwa ein 1953er Jaguar XK 120 DHC und die Replik eines 1956er Porsche 356 A Speedster. Aber auch ein 1967er Ford Mustang und der Rennklassiker Alfa Romeo 158 Alfetta. In keiner Automobilsammlung darf natürlich ein Aston Martin fehlen; in diesem Streifen zeigt sich deshalb der 1978er V8 Volante. Auch kommen ein 1959er Austin-Healey 3000 und ein 1937er BMW 327 Cabriolet vor. Ebenfalls zu sehen gibt es einen AC Cobra 427  sowie einen 1931er Dodge Six DD und eine 1959er Chevrolet Corvette C1. Diese alle spielen aber nur größere und kleinere Nebenrollen, hinter den wirklichen Stars dieses Films: zwei Automobilikonen aus Modena und Molsheim.

Ein Ferrari und ein Bugatti sind die Stars dieses Films. Foto: Universum Film.

Die menschliche Hauptfigur in Overdrive, namens Andrew Foster, wird von dem seinem Vater Clint wie aus dem Gesicht geschnittenen Scott Eastwood dargestellt. Der Halbbruder von Andrew heißt Garret und wird von Freddie Thorp gespielt. Zusammen stehlen sie einen 1937er Bugatti Type 57 Atlantic. Der Gangsterboss, dem diese Rarität gehört, möchte im Gegenzug nun den 1962er Ferrari 250 GTO seines Widersachers erbeuten lassen. Ein Modell, das im echten Leben bei Auktionen bereits mehrfach aberwitzige Summen erzielte und mit 48 Millionen US-Dollar im Jahr 2018 den unangefochtenen Rekord für eine Versteigerung hält. Auf Platz zwei folgt mit 38 Millionen US-Dollar sogleich ein weiterer 1962er Ferrari 250 GTO, der im Jahr 2014 den Besitzer wechselte. Ein Modell soll gar im Jahr 2018 für 70 Millionen US-Dollar verkauft worden sein. In dieser Preisspanne konkurriert der Bolide aus Modena nur mit einem. Dem Bugatti Type 57 Atlantic. Ein Museum kaufte das erste Exemplar des Atlantic vor einigen Jahren für 30 bis 40 Millionen US-Dollar. Und viele gibt es davon nicht. Während der Ferrari mit 32 Exemplaren verglichen damit, wie Sand am Meer vorhanden ist, produzierte Bugatti lediglich vier Atlantic. Die ungleichen Foster-Brüder stehen im Film den beiden Automobillegenden gegenüber, die um den Titel des wertvollsten Modells aller Zeiten wetteifern, während die Brüder miteinander konkurrieren. Die Motorwelt geriete in helle Aufregung, sollte eine dieser Preziosen bei einem Auktionshaus auftauchen. Hier sei erwähnt, dass für die Produktion natürlich nur Repliken genutzt wurden. Das gesamte Budget des Film hätte mit seinen 25 Millionen US-Dollar nicht mal für eines dieser Autos im Original gereicht.

Der Bugatti ist eine Replik. Das Nummernschild ist übrigens das gleiche wie an Bullitts Mustang. Eine von vielen Anspielungen auf den Filmklassiker. Foto: Universum Film.

Doch was macht den Atlantic überhaupt so wertvoll? Verantwortlich für dessen Konstruktion war Jean Bugatti, der Sohn des Firmengründers Ettore. Der Atlantic war die Krönung der verschieden Versionen des Type 57, von denen zwischen 1934 und 1940 etwa 600 bis 800 Stück im Werk im Elsässischen Molsheim von Hand zusammengebaut wurden. Der erste Atlantic wurde 1936 fertiggestellt und besonders der aufgestellte Kamm, der sich entlang der gesamten Karosserie ersteckt, wurde zu dessen Markenzeichen. Neben der langen Motorhaube und den tropfenförmigen Kotflügeln, sticht auch die Fahrgastkabine ins Auge, bei der sich die Form der Kotflügel wiederholt. Der Kamm stammt dabei vom Type 57 Aérolithe, der nur einmal gebaut wurde. Für dessen Karosserie wurden Bleche aus einer „Elektro“ genannten Magnesium-Aluminium-Legierung verwendet. Diese ließ sich nicht schweißen und wurde zusammengenietet. Der Atlantic bestand zwar aus Aluminium, erhielt aber dennoch diesen Kamm neben anderen Designelementen seines Vorbilds. Verglichen mit den heute unter dem Namen Bugatti vertriebenen Modellen, wirkt der Motor mit seinen 3,3 Litern und den 200 PS geradezu winzig. Auch die Spitzengeschwindigkeit von Tempo 200 lockt niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Doch angesichts des Baujahres erscheint dies in einem ganz anderem Licht. 

Der Bugatti Type 57 Atlantic. Foto: Bugatti.

Der erste Atlantic wurde einst für den dritten Baron Rothschild produziert und wird noch heute Rothschild-Atlantic genannt. Das dritte Modell gehörte einem Franzosen namens Jaques Holzschuh, der ihn an einen Sammler verkaufte, der im Jahr 1955 tödlich mit seinem Bugatti an einem Bahnübergang verunglückte. Der Unfallwagen wurde zwar Jahre später restauriert; der Motor jedoch war nicht mehr zu retten. Unter Puristen gilt er damit nicht mehr als erhaltenes Modell. Der zuletzt gebaute, vierte Atlantic, erreichte seinen britischen Eigentümer im Jahr 1938. 1985 erwarb ihn der Modeschöpfer Ralph Lauren, der auch zum erlesenen Kreis der Eigentümer eines Ferrari 250 GTO gehört. Nur vom zweiten Modell fehlt jede Spur. Es war als Ausstellungsstück in Molsheim verblieben und wurde vermutlich bei Kriegsbeginn 1939 nach Frankreich geschafft. In den Wirren des Krieges ging das Wissen um den letzten Aufenthaltsort des Atlantic verloren. Bis heute hofft die Automobilwelt darauf, dass er, wie so manche Legende vor ihm, auf einem französischen Bauernhof unter dem Staub der Jahrzehnte zum Vorschein kommt. Die Fachwelt ist sich einig: Wenn dieser Atlantik als Scheunenfund auftaucht, wird er – mit seinem geschätzten Wert von mindestens 100 Millionen Euro – zum unangefochten teuersten Auto der Welt.

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