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Moderne Mobilität in Industrieruinen – Motorbella statt Autoshow

Wo Häuser verfallen und Fabriken verrotten werden die modernsten Autos der Welt präsentiert. Dieses Konzept bekommt Risse und die Detroit Auto Show muss sich neu erfinden.

Von Fynn Göttsche

Sie war einst der große Auftakt in das Jahr der Automobilmessen. Doch dies gehört der Vergangenheit an. Schon vor Corona planten die Organisatoren des Detroiter Autohändlerverbandes, das Konzept der Messe zu erneuern. Seit 1907 wurde die Veranstaltung, die eigentlich North American International Auto Show (NAIAS) heißt, in der US-Amerikanischen Metropole veranstaltet.

In den vergangenen Jahren schwand die Attraktivität der Messe bereits und sie fiel in ihrer Bedeutung hinter die anderen großen US-Automobilausstellungen, insbesondere die Los Angeles-Motorshow, zurück. Der Termin im Winter schien nicht mehr allzu anziehend und konkurrierte ebenso mit der kurz danach stattfindenden Messe in Chicago. Der Austragungsort Detroit selbst wurde zunehmend unbeliebter. Um dem entgegenzuwirken, wollten die Macher die Veranstaltung in den Sommer legen und interaktiver gestalten. Mehrere Teile unter freiem Himmel, die über die Stadt verteilt stattfinden sollten. Wie Goodwood solle es werden, schrieben manche. Aufgrund von Corona wurde dieser Neustart mehrfach verschoben und abgesagt. Unter dem Namen „Motorbella“ folgt im September 2021 voraussichtlich der Kick-Off im kleineren Rahmen. Statt in einer Messehalle findet die Outdoor-Alternative auf einer Rennstrecke statt; dem M1 Concourse, einem ehemaligen Werksareal von General Motors. Dieses 35 Hektar große Gelände mit Garagen, Ausstellungshallen und -Flächen liegt im Detroiter Vorort Pontiac und nicht in der Stadt selbst. Ein Prozess, der für Detroit und seine einstige Bedeutung für die Automobilindustrie nur allzu beispielhaft ist.

Teppichkacheln im Kongresszentrum. Einst hochmodern und der letzte Schrei, heute fast schon gruselig. So dringend wie dieser Teppich erneuert werden sollte, so dringend besteht Modernisierungsbedarf bei der NAIAS.

Einst schlug das automobile Herz der USA in Detroit – Motor City wurde sie genannt. Chrysler, Ford und General Motors (GM) produzierten in der Metropolregion eben jene Autos aus denen der American Dream gemacht war. Etwa fünf Millionen Menschen leben in „Detroit Metro“. Ein stetiges Wachstum, doch für die Stadt selbst sieht es finster aus. In der Boomzeit der 1950er-Jahre, wohnten hier als 1,8 Millionen Menschen. Heute sind es nicht einmal 700.000. Stattdessen stiegen Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität. Die Armuts- und Verbrechensraten gehören aktuell zu den höchsten der USA. Firmen und Einwohner verließen die Stadt und zogen in die Vororte. Der Höhepunkt war die Insolvenz und Auflösung des zuvor über mehr als 70 Jahre größten Automobilherstellers der Welt, General Motors im Jahr 2009. In der Folge war auch Detroit selbst 2013 zahlungsunfähig. Sowohl GM als auch Detroit mussten sich neu erfinden, damit es wieder bergauf gehen konnte. Für die Stadt schwebt der Begriff Renaissance – Erneuerung – über diesem Konzept. Den Namen GM trägt heute eine neue Firma, die an den alten Konzern anknüpft und dessen Zentrale passender Weise, heute Renaissance Center heißt. Auch die Stadt, in der mehr als 30 Prozent der Fläche brach liegen und ganze Viertel unbewohnt sind sowie Industrie- und Wohnbebauung verfallen, kann dennoch auf einen vorsichtiges Wachstum hoffen. Niedrige Immobilienpreise und Steuervergünstigungen sorgen für einen langsamen Zuzug von Start-Ups und einen Strukturwandel. 

Daher müssen auch die Detroiter Autohändler – deren Sitz schon lange nicht mehr in der Motor City selbst ist, sondern in Troy, einem der nobleren Vororte – ihre Messe neu erfinden: Die Motorbella war ursprünglich als Teilveranstaltung des neuen Konzepts geplant und wird nun als Morgendämmerung eines neuen automobilen Zeitalters angekündigt. Die neue Generation der Mobilität solle in einer nie zuvor da gewesenen Art präsentiert werden. Große Worte, doch die Detroit Auto Show war seit jeher ein Gradmesser der US-Automobilwirtschaft. Neue Modelle wurden dort präsentiert und wichtige Meilensteine gesetzt. Wenn der Einfluss der Messe schwände, träfe dies besonders die ohnehin gebeutelten einheimischen Hersteller. Folglich setzen diese enorme Hoffnungen auf eine Renaissance der NAIAS. Die Motorbella stellt somit einen wichtigen Schritt zum neuen, interaktiveren Konzept dar. Premieren, autonome Fahrzeuge, Hypersportwagen und alles dazwischen sollen für die Besucher zu sehen – und zu fahren sein. Die Organisatoren versprechen den Besuchern nicht weniger als den Anblick, das Geräusch und sogar den Geruch der neuen Mobilität. Der Startschuss soll am 21. September 2021 fallen.

Das neue Logo der Motorbella. Foto: Motorbella

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