Klassiker

Tradition: 30 Jahre Mercedes-Benz S-Klasse (W 140) – Zu gut für seine Zeit

Diese S-Klasse wagte technologische Zukunft und deklassierte so sämtliche neuen Luxusliner anderer Marken, die mit dem Anspruch gestartet waren, den Sternträger als „bestes Auto der Welt“ zu entthronen. Trotzdem gab es ausgerechnet auf dem deutschen Heimatmarkt Kritik für diesen üppig dimensionierten Dienstwagen von Bundeskanzler Kohl

Von Wolfram Nickel

Vielleicht war sie ihrer Zeit einfach zu weit voraus. Zehn Jahre später hätte kaum jemand kritische Worte über das nur scheinbar gigantische Format und Gewicht der Mercedes-Benz S-Klasse (W 140) verloren, legten doch bis zur Jahrtausendwende alle Luxusliner und vor allem SUV die Toleranzschwelle für sozial verträgliche Maße und Gewichte deutlich höher. So aber bezeichneten Medien die 1991 vorgestellte Typenfamilie 300 SE bis 600 SEL zwar als „bestes Auto aller Zeiten“, gleichzeitig gab es jedoch süffisante Anmerkungen der Art, dass der bis 5,21 Meter lange, bis zu 2,6 Tonnen schwere und mit 1,50 Meter rekordverdächtig hoch bauende „Riesen-Dampfer“ von Mercedes endgültig an Rolls-Royce rücke und sogar den Zwölfzylinder-BMW 7er „wie einen Magersüchtigen ausschauen lässt“. Tatsächlich übertrumpfte die Mercedes S-Klasse die versammelte Oberklasse – vor allem aber durch fetten technologischen Fortschritt und detailverliebte Finesse wie den elektrisch verstellbaren Innenspiegel und einen automatischen Griff für den Kofferraumdeckel. Als erster Mercedes-Serien-Pkw fuhr der 600 SE mit einem V12-Motor vor, der monumentale 300 kW/408 PS freisetzte und so den V12-Vorreiter BMW 750i mit „nur“ 300 PS klar deklassierte. Auf der anderen Seite setzten die Schwaben sparsame Dieselmotoren in der Luxusklasse als adäquaten Antrieb durch. Auch beim Fahrstabilitätsprogramm ESP, Navigationssystem, Sprach-Bedienung und Notrufsystem oder künftigem autonomem Fahren leistete die S-Klasse (W 140) eindrucksvolle Pionierarbeit. Mercedes wusste eben, was die Welt wollte: Ein Spitzenmodell für Selbstfahrer und eine ruhige Lounge für die Reichen und Mächtigen auf den Fond-Fauteuils. Deshalb führte die S-Klasse ihr Segment ungeachtet aller Kritik an.

Der neue „Big-Benz“ erschien passgenau zum Ende der bürgerlich-kleinen Bonner Republik und zum Umzugsbeschluss des deutschen Bundestags nach Berlin, wo die S-Klasse ungeachtet vereinzelter automobiler Konkurrenz aus Ingolstadt und München wieder die Fahrzeugkolonnen der politischen Prominenz prägen sollte. Das mediale Geschrei, ob die Baureihe W 140 auf den Autozug nach Sylt passe oder ob die von Bruno Sacco in klassisch-klaren aber kolossal wirkenden Konturen gezeichnete Karosse wirklich nur mit Hilfe ausfahrbarer Peilstäbe am Heck in Parklücken zu manövrieren sei, interessierte Helmut Kohl in seiner neuen Kanzler-S-Klasse ebenso wenig wie die anderen treuen S-Klasse-Kunden, also vor allem Vorstände, Freiberufler oder Prominente aus Film- und Showbusiness. Allein die Mercedes-Ingenieure muss die Kritik heftig getroffen haben, wie sich beim Facelift 1994 zeigte, das darauf zielte, das Flaggschiff etwas graziler wirken zu lassen. Und die nachfolgende, schon 1998 präsentierte S-Klasse W 220 fiel gleich eine halbe Nummer kleiner aus, optisch so unspektakulär, dass sie heute von Laien schon mal mit einer E-Klasse verwechselt wird.

Für die Konkurrenz aus Audi V8, BMW 7er, Lexus LS und Jaguar XJ waren es keine guten Nachrichten: Die bis dahin größte und nobelste S-Klasse schoss 1991 sofort an die Spitze des Segments. So wurden schon in den ersten neun Monaten nach Markstart über 48.000 Sonderklasse-Limousinen ausgeliefert, während BMW im ganzen Jahr 1991 nur noch 35.000 Einheiten des von der Presse zunächst so hochgelobten 7ers verkaufte. Im Folgejahr fertigte Mercedes bereits 72.000 Einheiten seines Flaggschiffs, BMW lediglich 31.000 Exemplare des 7er. In den USA griff der Lexus LS 400 nach der Krone des Verkaufskönigs, aber Daimler konterte mit der S-Klasse, die als erster Mercedes-Benz den neuen Plakettengrill trug, erfolgreich. Die Formensprache und Proportionen des W 140, ursprünglich sollte er übrigens nur als Langversion kommen, empfanden die Lexus-Designer als so vollendet, dass sie diese noch neun Jahre später bei einer neuen Generation ihres „Luxury Sedan“ zitierten. Dies ganz nach dem asiatischen Credo: Nachahmung ist die höchste Form der Anerkennung.

Und in Deutschland? Dort zollte das Publikum dem pompösen, später sogar als 6,21 Meter lange Pullman-Staatslimousine lieferbaren größten Mercedes Applaus in Form einer Flut von Bestellungen. Im ersten vollen Verkaufsjahr registrierte die Neuzulassungsstatistik rund 22.000 S-Klasse-Limousinen gegenüber nur 15.000 Einheiten des 7ers und gerade vierstelligen Werten der anderen Verfolger. Damals hatte der rund 200.000 Mark teure Mercedes (das entsprach 50 Prozent Aufpreis gegenüber dem Münchner V12) kleine, sogenannte Kinderkrankheiten wie vereinzelt auftretende Windgeräusche durch unebene Dichtungen an den neuartigen, doppelverglasten Türen längst abgelegt, stattdessen setzte er Maßstäbe durch das breiteste Motorenprogramm in der Oberklasse. Beim ersten Sechszylinder-Diesel für die Oberklasse, 110 kW/150 PS stark, begann die Leistungsleiter, führte dann über den billigsten Benziner 300 SE 2.8 mit 142 kW/193 PS und den 210 kW/286 PS freisetzenden Einstiegs-V8 im 400 SE bis zum V12 im 600er und endete erst bei Kleinserien vom Haustuner AMG, etwa mit 346 kW/470 PS kräftigem 7,1-Liter-V12. Zur Einordnung: Nicht einmal der Ferrari Testarossa bot so viele cavalli unter der Haube. Noch exklusiver war nur das aufsehenerregende S-Klasse-Landaulet, das 1997 an Papst Johannes Paul II übergeben wurde.

Diesseits von Papamobil und gepanzertem Pullman-Mercedes gelten traditionell die Coupés der S-Klasse als das Vornehmste, was die deutsche Autoindustrie in die Schauräume stellte. Seit 1989 kämpfte allerdings der BMW 850i mit V12-Kraft um die Lufthoheit in der Königsklasse der Coupés. Für Mercedes Ansporn, dieses Feld exklusiver Dynamiker mit besonders opulent ausstaffierten W-140-Zweitürern anzuführen. Tatsächlich errangen die Typen 600 SEC und 500 SEC sowie ab 1994 auch das S 420 Coupé – in jenem Jahr spendierte Daimler seinem Modellprogramm die bis heute übliche Nomenklatur – eine Alleinstellung. Weniger sportlich als BMW 8er oder Jaguar XJ-S fanden die S-Klasse Coupés ihre Konkurrenten eher bei Bentley oder Aston Martin, die allerdings noch hochpreisiger waren. So erreichten die Verkaufszahlen für die riesig wirkenden Coupés mit dem großen Stern im Grill ein erstaunliches Niveau: Mehr als 26.000 S-Klasse Coupés setzte Mercedes bis Ende 1998 ab.

Auch die Tür des heute global größten Luxusmarktes öffnete der W 140: Im November 1997 wurde das 400.000ste Exemplar, ein S 600 L, nach China ausgeliefert. Zwar endete die Fertigung der Baureihe offiziell im September 1998, aber Technologien wie das in 500-SEL-Prototypen erfolgreich erprobte autonome Fahren wiesen weit ins neue Jahrtausend. Und dann gab es noch das 2002 realisierte Revival der ultraluxuriösen Riesenlimousinen von Maybach: Deren Entwicklung wurde durch den S 600 L Pullman forciert. Heute zählt der W 140 zu den besonders gesuchten neuen H-Kennzeichen-Kandidaten, hat sich doch die Bestandszahl des robusten Langstreckenläufers hierzulande drastisch reduziert. Der Grund? Sehr viele Gebrauchtwagen fanden Fans in Russland und Südosteuropa.

Kurzcharakteristik

Chronik:


1981: Nur zwei Jahre nach Produktionsanlauf der Mercedes-Benz S-Klasse (W 126) beginnt die Projektierung der nächsten S-Klasse-Generation (W 140)


1983: Erste Probefahrten mit Versuchsträgern der S-Klasse W 140


1986: Ein Mercedes-Benz-V12-Motor läuft auf dem Prüfstand


1987: BMW präsentiert das neue Flaggschiffmodell 750i/Li mit erstem deutschen Serien-V12-Motor der Nachkriegszeit. Der S-Klasse-W 140-Prototypen-Fuhrpark umfasst bereits fast 20 Einheiten, ein Jahr später sind es 52 Fahrzeuge


1988: Mit dem Modell V8 dringt auch Audi in die Oberklasse vor 


1989: Der Lexus LS 400 debütiert mit dem Anspruch des besten Autos der Welt


1990: Start der Vorserienproduktion für die Mercedes-Benz S-Klasse (W 140)


1991: Am 4. März Pressevorstellung der S-Klasse (W 140) im Hotel Nova Hilton Genf, anschließend Publikumsweltpremiere auf dem Genfer Automobilsalon. Im April Serienanlauf von 300 SE, 400 SE, 500 SE und 600 SE, jeweils auch in Version mit langem Radstand. Im September erhöhter Reifenluftdruck für höhere Zuladung. Der 300 SD geht im Oktober in Produktion, bis September 1992 allerdings nur für den nordamerikanischen Markt. Schon in den ersten neun Monaten nach Markteinführung werden über 48.000 S-Klasse-Limousinen ausgeliefert, während BMW im ganzen Jahr 1991 nur noch 35.000 Einheiten des 7ers verkauft


1992: Die S-Klasse gewinnt die Titel „World Car 1992“ und „Stratospheric Ozone Protection Award“ der US-amerikanischen Umweltbehörde als erstes FCKW-freies Automobil. Auf der Auto Show in Detroit debütieren im Januar die S-Klasse-Coupés 500 SEC und 600 SEC. Ab Februar werden 500 SEL und 600 SEL in gepanzerten Sonderschutz-Versionen angeboten. Auf dem Genfer Salon feiern die S-Klasse Coupés im März ihre Europapremiere. Außerdem zeigt Mercedes-Benz ein Flexible-Fuel-Versuchsfahrzeug für Methanolbetrieb auf Basis des 300 SE. Auf dem Pariser Salon debütieren im Oktober die Typen 300 SE 2.8 und 300 SD. Die anderen S-Klasse-Typen erhalten Detailmodifikationen. Die Mercedes-Benz S-Klasse (W 140) überholt in der deutschen Zulassungsstatistik mit 22.000 Einheiten erneut den BMW 7er (15.000 Verkäufe) sowie Audi V8, Jaguar XJ und Lexus LS


1993: Im Januar Start für den Basis-Benziner 300 SE 2.8. Im Juni Änderung aller Typenbezeichnungen. Der Buchstabe „S“ wird nun der dreistelligen Zahl vorangestellt, so wird der 600 SE zum S 600


1994: Serienanlauf des Mercedes-Benz S 420 Coupé im Februar. Zum Genfer Salon erhält die S-Klasse eine optische Überarbeitung mit Modifikationen an Stoßfängern, Seitenschutzflächen, Scheinwerfern und Heckpartie. Im Oktober führt ein 500 SEL VaMP („Versuchsfahrzeug für autonome Mobilität – Pkw“) erfolgreich autonome Versuchsfahrten mit bis zu 130 km/h über Autobahnen mit normalem Verkehr durch


1995: Die neue Ultraschall-Parkhilfe „Parktronic“ ist ab April gegen Aufpreis bestellbar, Serie im V12. Die Peilstäbe entfallen. Im Mai debütiert im S 600 Coupé eine elektronisch gesteuerte Fünf-Gang-Automatik. Neu in der S-Klasse ist außerdem das Elektronische Stabilitäts-Programm ESP, das nur zwei Jahre später auch in der A-Klasse eingeführt wird, die durch das Scheitern im sogenannten Elchtest in die Schlagzeilen gerät. Ab Juni 1995 wird die S-Klasse mit Navigationssystem lieferbar. Auf der IAA wird der Mercedes-Benz S 600 lang Pullman mit Sonderschutzausstattung vorgestellt   


1996: Im Juni erhält die S-Klasse eine neuerliche Überarbeitung mit geringfügigen Interieur- und Exterieurmodifikationen und Seitenairbags. Der S 350 Turbodiesel wird ersetzt durch den S 300 Turbodiesel. Erstmals werden auch die Coupés überarbeitet, weitgehend analog zu den Limousinen. Im Juli Produktionsbeginn des S 600 Pullman. Das Sprachbediensystem „Linguatronic“ wird im Herbst eingeführt. Eine Weltneuheit ist die Vorstellung des Bremsassistenten „BAS“ im November


1997: Zum Genfer Salon erscheint das auf 50 Einheiten limitierte S 500 Sondermodell „Exklusiv“. An Papst Johannes Paul II wird eine Landaulet-Sonderanfertigung (W 140) übergeben. Im Juni debütiert das rechnergesteuerte Serviceintervallsystem „Assyst“. Am 26.11. wird der 400.000. Mercedes-Benz der S-Klasse W 140 ausgeliefert, dies auf den neuen Wachstumsmarkt China


1998: Im September läuft die Produktion für fast alle Versionen der aktuellen S-Klasse aus. Nur Pullman und Sonderschutzvarianten werden weiter hergestellt. Auf dem Pariser Salon debütiert der Nachfolger W 220. Äußerlich überrascht das neue Spitzenmodell durch Understatement-Design und konstruktiv durch Leichtbau


2000: Im März werden Maybach-Prototypen gezeigt, die auf dem S 600 L der Baureihe W 140 basieren, die in Sonderschutzversion und als Pullman bis zur Jahrtausendwende gebaut wird 


2002: Präsentation der Maybach Limousinen


2021: Die Mercedes-Benz S-Klasse der Baureihe W 140 zählt zu den neuen H-Kennzeichen-Kandidaten dieses Jahres. Gewürdigt von das 30-jährige Jubiläum der Baureihe vom Hersteller und den Fans 

Produktionszahlen Mercedes-Benz S-Klasse (W 140 / C 140):
Limousine (W 140): 406.717 Einheiten (1991-2000),
davon 7.583 Einheiten S 300 Turbodiesel,
20.518 Einheiten 300 SD/S 350 Turbodiesel,
22.784 Einheiten 300 SE 2.8/S 280,
98.095 Einheiten 300 SE/S 320,
85.346 Einheiten 300 SEL/S 320 lang,
14.277 Einheiten 400 SE/S 420,
35.191 Einheiten 400 SEL/S 420 lang,
21.942 Einheiten 500 SE/S 500,
65.065 Einheiten 500 SEL/S 500 lang,
3.399 Einheiten 600 SE/S 600,
32.517 Einheiten 600 SEL/S 600 lang.
Insgesamt 104.625 Zulassungen der Baureihe W140 in Deutschland.
S-Klasse Coupé (C 140): 26.022 Einheiten (1992-1998),
davon 2.496 Einheiten CL 420,
14.953 Einheiten des 500 SEC/CL 500,
8.573 Einheiten des 600 SEC/CL 600.

Mercedes-Benz S-Klasse (W 140/C 140) Typen und Motorisierungen:
Mercedes 300 SD mit 3,5-Liter-Sechszylinder-Diesel (110 kW/150 PS)
Mercedes 300 SE 2.8 mit 2,8-Liter-Sechszylinder-Benziner (142 kW/193 PS)
Mercedes 300 SE mit 3,2-Liter-Sechszylinder-Benziner (170 kW/231 PS)
Mercedes 400 SE mit 4,2-Liter-V8-Benziner (210 kW/286 PS)
Mercedes 500 SE mit 5,0-Liter-V8-Benziner (240 kW/326 PS)
Mercedes 600 SE mit 6,0-Liter-V12-Benziner (300 kW/408 PS)
Mercedes 500 SEC mit 5,0-Liter-V8-Benziner (235 kW/320 PS)
Mercedes 600 SEC mit 6,0-Liter-V12-Benziner (290 kW/394 PS)
Mercedes S 300 Turbodiesel mit 3,0-Liter-Sechszylinder-Dieselmotor (130 kW/177 PS) 
Mercedes S 280 mit 2,8-Liter-Sechszylinder-Benziner (142 kW/193 PS)
Mercedes S 320 mit 3,2-Liter-Sechszylinder-Benziner (170 kW/231 PS)
Mercedes S 420 mit 4,2-Liter-V8-Benziner (205 kW/279 PS)
Mercedes S 500 mit 5,0-Liter-V8-Benziner (235 kW/320 PS)
Mercedes S 600 mit 6,0-Liter-V12-Benziner (290 kW/394 PS)
Mercedes CL 420 mit 4,2-Liter-V8-Benziner (205 kW/279 PS)
Mercedes CL 500 mit 5,0-Liter-V8-Benziner (235 kW/320 PS)
Mercedes CL 600 mit 6,0-Liter-V12-Benziner (290 kW/394 PS).

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