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Konzern in der Krise – Volkswagens Marken und die Pandemie

2020 war kein gutes Jahr für die Automobilbranche. Die Kaufzurückhaltung sorgte allein in Deutschland für rund 20 Prozent weniger abgesetzte Modelle. Ein globales Phänomen in der anhaltenden Pandemie. Beim weltgrößten Autobauer und dessen Töchtern schlug sich dies unterschiedlich stark nieder. Fest steht, der Wandel in der Brache wurde durch die Coronakrise noch beschleunigt.

Von Fynn Göttsche

2020 sollte für Volkswagen ein Jahr werden, in dem das Flaggschiff – der Golf – neu aufgelegt und die ID-Familie eingeführt wird. Der Weg zur Elektromobilität war vorgegeben, der Diesel sollte sauberer werden und der Konzern große Schritte Richtung Zukunft machen. Bei den Töchtern gab es zahlreiche weitere ambitionierte Ziele. Bei Volkswagen-Nutzfahrzeuge stand der neue Caddy in den Startlöchern und die Seat-Tochter Cupra brachte mit dem Formentor das erste eigens entwickelte Modell in den Markt. Egal ob in Molsheim, Sant’Agata Bolognese, Mlada Boleslav, Crewe oder Zuffenhausen. Der Konzern hatte viel vor.

Volkswagen Konzernchef Herbert Diess und der vollelektrische ID.3. Foto: Volkswagen.

Doch als im März der Lockdown kam, schlug dies auch der Automobilwirtschaft in die Magengrube. Nicht nur die Produktion wurde mancherorts stillgelegt. Potentielle Kunden standen vor wirtschaftlich unsicheren Zeiten und legten Kaufpläne auf Eis. Die Marken des Volkswagen-Konzerns bekamen dies ausnahmslos zu spüren. Nicht nur die Höhe der Verkaufszahlen veränderten sich, auch das Portfolio wurde gewaltig durchgewirbelt. 

Nach der ersten Welle der Pandemie sah es finster aus an den Montagebändern. Rekordeinbrüche der Verkaufszahlen, Kurzarbeit, Werksschließungen und alles unter mehr als unsicheren Aussichten. Grundsätzlich ist aber erkennbar, dass die Premiumtöchter weit stabiler durch die Krise kamen. Die Probleme lagen etwa in Sant’Agata Bolognese darin, dass das Werk 70 Tage lang geschlossen werden musste und nicht darin, dass die Nachfrage nachließ. Lamborghini konnte so weniger produzieren und setzte neun Prozent weniger Fahrzeuge ab. Ähnlich verlief es in Zuffenhausen bei Porsche oder in Crewe bei Bentley. Porsches Rückgang betrug lediglich drei Prozent, Bentley wuchs sogar um zwei, wenn auch das Wachstum erst am Jahresende kam. Zwar lassen die Absatzzahlen wenig zum Klagen übrig, dennoch wurde der Fuhrpark verändert. Der weltweite SUV-Trend machte auch 2020 vor den Sportwagenherstellern keinen Halt und schlug sich stärker nieder: Der Lamborghini Uros machte 59 Prozent der verkauften Modelle aus, der Porsche Cayenne, kam trotz des Erfolgs des elektrischen Taycan immernoch auf 34 Prozent. Auch Bentleys erst im Laufe des Jahres 2020 vorgestellter SUV Bentayga startete erfolgreich in den Verkauf und schaffte es auf 37 Prozent aller ausgelieferten Modelle aus Crewe. 

Bei Bentley in Crewe ist am Jahresende nicht viel von der Pandemie zu erkennen. Foto: Bentley.

Die breiter aufgestellten Hersteller des Konzerns wie die Marken Volkswagen Pkw, Seat, Audi, Skoda und auch Volkswagen Nutzfahrzeuge bekamen die Krise stärker zu spüren. Das Skoda-Werk in Mlada Boleslav musste für 39 Tage schließen und 2020 wurden weltweit 19,1 Prozent weniger Automobile der Marke verkauft. Der tschechische Hersteller mit einem breiten Angebot an SUVs hatte selbst in diesem zunehmend beliebter werdenden Segment mit großen Umwälzungen zu kämpfen. Der Crossover-SUV Kamiq verdoppelte seine Verkaufszahlen, während die größeren Modelle Karoq und Kodiaq verloren. Flaggschiff bleibt der Allrounder Octavia trotz 30 Prozent Rückgang.

Der Skoda Kodiaq hatte auch mit Einbußen zu kämpfen. Der Trend ging zu kleineren SUVs und CUVs. Foto: Skoda.

Die Ingolstädter im Konzern hatten nur einen mäßigen Rückgang um 8,3 Prozent zu verzeichnen, schlossen aber mit dem erfolgreichsten Quartal der Firmengeschichte ab. Dieses Aufholen ist bei vielen Herstellern zu beobachten. Im Falle von Audi ist dies – wenig verwunderlich – den Premiummodellen und SUVs zu verdanken, die besonders in China gefragt waren. Überraschen kann aber auch die Stromsparte, so war der Audi e-Tron im Elektro-Musterland Norwegen das meistverkaufte Auto überhaupt. 

Der Audi e Tron. Elektrisch und ein SUV, diese Bereiche kamen beide gut an, der e Tron verbindet sie. Foto: Audi.

Ähnliches vermeldet auch Wolfsburg. Die Marke Volkswagen hat einen Rückgang von 15,1 Prozent zu beklagen, während die Elektrosparte durch die Decke geht und sich verdreifachte. Der erst im zweiten Halbjahr 2020 erschienene ID.3, dessen Hauptverdienst dies ist, mauserte sich im Dezember gar zum meistverkauften Pkw in Schweden insgesamt. Doch nicht nur die emissionsfreien Antriebe griffen der Marke in der Rezession unter die Arme, auch die SUVs hielten die Wolfsburger über Wasser und so stieg der Anteil dieser Spezies von 29,8 auf 34,8 Prozent. Weltweit überholte der Tiguan gar den Golf, der zumindest in Deutschland und Europa noch an der Spitze der verkauften Modelle steht.

In Wolfsburg werden große Hoffnungen auf den ID.4 gesetzt. Foto: Volkswagen.

Bei der spanischen Marke Seat und deren jüngst ausgegliederter Performance-Tochter Cupra schlägt sich die Pandemie unterschiedlich stark nieder. Während die junge Marke Cupra die Verkäufe um 11 Prozent steigern konnte, litt Seat umso stärker. Der sehr heftige Lockdown in Spanien äußerte sich in massiven Absatzrückgängen von mehr als 32 Prozent auf dem Heimatmarkt. Weltweit verloren sie 25,6 Prozent. Ein Elektroeffekt ist aufgrund des geringen Anteils an der Flotte nicht zu erkennen, da Seat und Cupra den Verkaufsstart mehrerer voll- und teilelektrischer Modelle erst für 2021 angekündigt haben. 

Der Formentor ist das erste eigene Cupra Modell. Volkswagen-Chef Diess fährt ihn auch. Foto: Cupra.

Volkswagen Nutzfahrzeuge hatte es innerhalb des Konzern am schwersten. Insgesamt 24,4 Prozent weniger Fahrzeuge wurden verkauft. Von einem SUV-Effekt konnten die Hannoveraner naheliegenderweise nicht profitieren. Ein Elektroeffekt ist zwar mit einem Wachstum von 167 Prozent erkennbar, aufgrund des Gesamtanteils von Stromern am Absatz von 0,7 Prozent ist dieser aber bisher unbedeutend. Stärker wird dieser sich erst mit der Einführung des ID.Buzz, eines vollelektrischen VW-Bulli, einstellen, der Ende des Jahres in den Verkauf gehen soll. Ungelegen kam vor allem der Zeitpunkt des Verkaufsstarts der neuen Generation des Caddy im Herbst, da eventuelle Kunden auf diesen Termin warteten, aber aufgrund der Pandemie vom Kauf Abstand nehmen mussten. Ebenfalls negativ schlug sich die Einstellung des Amarok im Sommer nieder, dessen Nachfolger erst 2022 vorgestellt wird. Positiv wird der Campingboom aufgenommen. Die Califonia-Reisemobile konnten bei den Auftragseingängen einen Zuwachs von 60 Prozent verzeichnen.

Allen Marken gemein ist eine enorme Steigerung der Verkaufszahlen im vierten Quartal. Zahlreiche Kunden legten ihre aufgeschobenen Neuwagenkäufe in den Herbst. Hinzu kommen die anhaltende Nachfrage nach SUVs, stabiler Premiumsektor und der Elektro-Boom, die den Herstellern trotz starker Einbrüche in anderen Bereichen, Verkäufe bescherten. Bei den Nutzfahrzeugen, wo diese Effekte nicht griffen, ist der Rückgang entsprechend am deutlichsten. Durch die Bank weg schauen die Marken des Volkswagen Konzerns in ihren Berichten positiv auf 2021, besonders aufgrund der beflügelnden Dezember-Zahlen.

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