E-Mobilität Fahrbericht

Satter Aufschlag – Erste Fahreindrücke mit dem neuen Volkswagen ID.4.

Von Alexander Voigt

Eine Alltagssituation: Das Navigationssystem erinnert den Fahrer, dass er demnächst abbiegen möchte. Plötzlich taucht im direkten Sichtfeld weit vor dem Fahrzeug ein kleiner, bläulicher Richtungspfeil auf. Er verschwindet nicht; er wird sogar größer und gleichzeitig transparenter. Mit dem Abbiegepunkt verschwindet er, man fährt quasi direkt durch ihn hindurch. Was bisher nur in der Theorie und in speziellen Demonstrationsobjekten unter dem Fachbegriff „Augmented-Reality-Head-up-Display“ zu sehen war, kann nun im realen Straßenverkehr unmittelbar erfahren werden: Volkswagen führt die neue Technologie der Verschmelzung von virtueller und realer Welt als erster Volumenhersteller mit den Modellen ID.3 und ID.4 im Kompaktsegment ein. Der ID.3 benötigt dafür noch ein Update; im ID.4 gehört das Augmented-Reality-Head-up-Display zum Infotainment-Paket „Plus“, das auch das Navigationssystem „Discover Pro“ samt Touchdisplay umfasst. Benötigt man das neue System? Das muss jeder Käufer für sich selbst entscheiden. Auf jeden Fall ist es ein spannender Ausblick, was auf dem Weg zum autonomen Fahren noch vor uns auftauchen wird.

Aber es sind vielmehr die anderen Parameter des zweiten vollelektrischen Volkswagen der ID-Familie, die den – immer noch als Kompakt-SUV geltenden – ID.4 so bedeutend für die Wolfsburger Marke machen: Während der ID.3 noch auf die europäischen Bedürfnisse der Kompaktklasse zugeschnitten ist und daher auch gar nicht global angeboten wird, ist der bereits bestellbare ID.4 als vollelektrisches SUV das erste echte Volkswagen E-Weltauto, das nun auch in den USA und in Asien im weltweit größten Marktsegment antreten wird. Und das gleich mit acht vorkonfigurierten Modellen, zwei Batteriegrößen, WLTP-Reichweiten bis zu 520 Kilometer und Elektromotoren in drei Leistungsstufen. Alles wie gehabt und aus dem ID.3 bekannt. Nur eben nicht in dieser Größe.

Der ID.4 ist ein stattlicher Crossover, der es trotz seiner kräftigen Front – vor allem dank seiner geschickten Linienführung und des farblich abgesetzten Daches – dennoch schafft, einen gefälligen, bleibenden Eindruck zu vermitteln. Das E-SUV fällt mit 4,58 Metern Länge etwas größer als der meistverkaufte Volkswagen – der Tiguan aus. Den ID.3 überragt er bei identischen 2,77 Meter Radstand dabei um 32 Zentimeter in der Länge. Damit entsteht ohne den in einem vollelektrischen Fahrzeug unnötigen Getriebetunnel ein Innenraum, der dem des Tiguan Allspace entspricht und damit beinahe an den des Volkswagen Touareg heranreicht. Die SUV-typisch leicht erhöhten Sitze ermöglichen einen bequemen Einstieg für alle Passagiere sowie eine gute Übersicht. Auf der Rücksitzbank finden drei Isofix-Kindersitze nebeneinander Platz. Der Kofferraum schluckt 543 Liter, nach Umklappen der Lehnen dachhoch sogar 1575 Liter. Die serienmäßige Dachreling des ID.4 schultert bei Bedarf weitere 75 Kilogramm. Die optional ausschwenkbare Anhängerkupplung meistert (gebremste) 1000 Kilogramm Anhängelast.

Alleine damit ist der ID.4 natürlich deutlich (Groß-)Familientauglicher als sein kleinerer Bruder. Hinzu kommt eine im Vergleich zum ID.3 fühlbar bessere Materialqualität. Unterschäumte Flächen in der oberen Instrumententafel, gepolsterte Armauflagen, angenehm weiche Türbrüstungen sowie Kontrastnähte (Interieur-Style-Paket), Ambientebeleuchtung, Pianolack und Kunstleder-Velours-Sitzbezüge geben eine wertige Anmutung. Je nach Ausstattung sind auch zwölffach elektrisch einstellbare, ergonomische Aktion-Gesunder-Rücken-Sitze mit Massagefunktion an Bord. Ein über das gesamte Dach reichende Panoramafenster inklusive elektrischer Jalousie (Design-Paket „Plus“) sorgt für ordentlich Licht im Innenraum.

Was schon nach wenigen Kilometern auffällt, ist die Agilität, mit der dieser Stromer unterwegs ist. Und das bei immerhin deutlich mehr als 2,1 Tonnen Gewicht. Doch der Modulare Elektrobaukasten (MEB) zwischen den Achsen, in dessen Alu-Rahmen wahlweise neun oder zwölf Batteriemodule stecken, wiegt mit zusätzlichen 344 respektive 493 Kilogramm nicht nur schwer, sondern sorgt auch für einen tieferen Schwerpunkt und damit für eine gute Fahrdynamik. So zieht der ID.4 unbeirrbar seine Bahnen, unterstützt von einem gekonnt abgestimmten Fahrwerk, das ebenso komfortabel wie spurlos Asphaltabrisse, Bahnübergänge und selbst übelstes Kopfsteinpflaster glatt bügelt. Besonders sportliche Ausritte sind mit E-Autos zwar weder empfohlen noch sinnvoll. Doch selbst wenn es mal schneller durch die Kurve gehen sollte, halten adaptive Dämpfer und die Progressivlenkung (Sportpaket Plus) den Koloss jederzeit sicher auf Kurs.

Anders als die Energiespeicher selbst ist die Antriebsmaschine des ID.4 ein Leichtgewicht. Der PSM-Motor (permanent erregte Synchronmaschine) wiegt inklusive Getriebe gerade mal 90 Kilogramm und passt in eine Sporttasche. Entsprechend platzsparend liegt er wie einst beim Käfer im Heck auf der Hinterachse. Es gibt zunächst drei Leistungsstufen mit 148 PS (109 kW), 170 PS (125 kW) oder 204 PS (150 kW). Die ersten beiden Varianten sind mit der kleineren 52-kWh-Batterie mit bis zu 348 Kilometer Reichweite gekoppelt und entwickeln 220 respektive 310 Newtonmeter Drehmoment. Sie werden in Deutschland allerdings erst im Laufe des ersten Halbjahres 2021 ausgeliefert. Vorerst wird es den ID.4 allein mit der stärkeren 204 PS-E-Maschine und dem 77-kWh-Akku geben.

In dieser Antriebs-Combo geht es natürlich munter voran. Aus dem Stand stehen 310 Newtonmeter Schub bereit, die den großen Wagen nahezu lautlos, bei energischem Tritt aufs Pedal auch vehement in Bewegung setzen. In 8,5 Sekunden ist Tempo 100 erreicht, bei 160 km/h wird elektronisch abgeregelt. Damit beschleunigt der ID.4 aufgrund seines Gewichtes etwas verhaltener als der ID.3. Nach WLTP saugt der E-Motor dabei 18,9 bis 17,7 kWh auf 100 Kilometer aus den Lithium-Ionen-Zellen: Wenn es gut läuft, sollen mit vollen Akkus bis zu rund 520 Kilometer möglich sein. Mit dieser Range sollten Reichweitenängste kein Thema mehr sein. Wer auch den ID.3 und einen temporären Mitbewerber aus den USA bei der Beschleunigung hinter sich lassen möchte, muss sich noch ein wenig gedulden: Bereits im ersten Halbjahr 2021 folgt ein sportliches Topmodell mit Allradantrieb und noch mehr Leistung inklusive „R“-Tauglichkeit.

Die Preisliste startet bei 36.950 Euro für die 2021 kommende Basisversion „Pure“, womit der E-SUV nach Abzug der staatlichen Unterstützung in Höhe von 9.000,- Euro kaum teurer ist als ein ähnlich starker Tiguan-Benziner.

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