Reportage

Grand Tour, Gran Turismo und GTI. Von Lustreisen, Fahrkomfort und viel PS.

Von Fynn Göttsche

Abkürzungen gibt es in der Automobilwelt viele. Einige wenige geben nicht einfach nur ein Wort wieder sondern ein Fahrgefühl. Der Buchstabe S beispielsweise – im echten Leben oft die Abkürzung für „small“ – sagt dem Automobilenthusiasten ganz im Gegenteil: Hier geht es um Sport. Also Pferdestärken, Drehmoment und Geschwindigkeit. Das T steht meist für Turbo. Ein Wort, dessen Technik zwar komplex, doch dessen Gefühl keinerlei Erklärung benötigt. Doch so richtig an das Herz von Fan und Fahrer geht es bei GT. Gran Turismo. Heute Namensgeber von Hochleistungsmodellen und Rennsportserien. Vom Golf GTI zu GT3-Rennserien. Ob Ferrari 250 GT, Ford Mustang GT, Bentley Continental GT oder sogar der Opel Astra GTC. In der Kompaktklasse oder bei den Supersportwagen – GT steht überall für ein Mehr an Leistung und Fahrspaß. 

Doch das war nicht immer so. Seitdem der Begriff im automobilen Kontext im Jahr 1929 beim Alfa Romeo 6C 1750 Gran Turismo erstmals auftrat, hat sich seine Bedeutung massiv gewandelt. Einst waren die GT-Modelle Sportwagen, die Langstreckenrennen bestreiten konnten. „Gran Turismo“ bedeutet im Italienischen eigentlich auch nicht viel mehr als große Reise. Die GT-Modelle waren für eben jene Rennen ausgerüstet. Sie zeichneten sich durch einen zweiten Sitz für den Beifahrer, erhöhten Laderaum und hohen Fahrkomfort aus. Denn bei den frühen Langstreckenrennen durch Italien, war nicht nur der Beifahrer als Navigator und Mechaniker essentiell. Auch bequem musste es sein, wenn es über 1600 Kilometer durch die Berge und Hügel des Landes ging. Oftmals über Jahrhunderte alte, meist unbefestigte Straßen, deren Zustand stark zu wünschen übrig ließ. Etwa bei der Targa Florio auf Sizilien oder der Mille Miglia, die von Brescia bis Rom und zurück verlief.

Der McLaren GT ist ein Supersportwagen für die Reise – behaupten die Hersteller. Er ist nur minimal komfortabler als die üblich kargen McLaren-Modelle. Foto: McLaren.

Insbesondere die 1950er Jahre waren eine Hochzeit des Gran Turismo. Verkörpert wurde er besonders von den Ferrari 250 Modellen, die zahlreiche Rennen dominierten. In der Folge bedeutete Gran Turismo oft die Kombination aus großzügiger Motorisierung und gehobener Innenausstattung. Das Ganze bei zwei oder 2+2 Sitzen, ergänzt um ausreichend Stauraum und Bequemlichkeit. Doch mit der Zeit gerieten die letztgenannten Punkte ins Abseits und heute kann jeder, der betonen will, dass sein Modell mehr Leistung als das Serienfahrzeug hat, ein „GT“ auf die Karosserie kleben. Gerne ergänzt durch weitere Buchstaben, welche die Bezeichnung nur kaum präziser, sondern noch beliebiger machen. Egal ob Kleinwagen, Supersportmodell oder der Familienkombi, solang er ein wenig mehr Umdrehungen aus dem Motorblock hustet, kommt irgendein Mitarbeiter schon auf die Idee, GT hinter den Namen zu klatschen.

Der Renault Talisman Grandtour. Das GT weist hier lediglich darauf hin, dass es ein Kombi ist, warum er deshalb ein Grandtour sein soll, bleibt das Geheimnis der Franzosen. Foto: Renault.

In eine andere Richtung bewegten sich die GT-Rennserien. Diese betonen noch immer die langen Strecken und den Ausdauercharakter. Mit den Überlandfahrten in bequemen Gefährten, haben diese aber auch nicht mehr viel zu tun. Auch wenn die auf den Millimeter abgestimmten Hochleistungrennwagen auf Serienmodellen basieren, ist vom alten Flair nur die Kilometerleistung und der Name geblieben. 

Auch auf diesem Ferrari steht GT – der Ferrari 488 GT Modificata – gebaut für GT-Rennen. Foto: Ferrari

Einige wenige Hersteller halten heute noch den Inhalt dieser Bezeichnungen hoch und betonen nicht nur die Leistung, sondern das Gesamtpaket. Sie vergeben das GT Siegel nur an gehobene Reisefahrzeuge mit adäquater Motorisierung und insassenorientiertem Interieur. Diese finden sich aber bereits ab der Mittelklasse aufwärts. So ist heute die breite Bevölkerung in der Lage eine lange Reise in einem GT zu unternehmen.

Der Golf GTI Clubsport. Dieser Gran Turismo wird durch eine „Injektion“ ergänzt. Foto: Volkswagen.

Wer nun denkt, das ist die gesamte Geschichte, die hinter dem Namen Gran Turismo steckt, der irrt. Denn es schlagen sich weite Bögen in die Europäische Geschichte. Wo die GT, GTD, GTX, GTR, GTS, GTO, GTE und GTI Freude am Fahren, Emotionen, Fernweh und das Erkunden der Grenzen von Mensch und Maschine versprechen, steckt darin ein alter Kern. Der Kern des Gran Turismo ist nicht einfach nur eine beliebige große Reise. Sondern die Grand Tour, auch Kavaliersreise genannt. Eine Tour, getrieben von Fernweh, dem Drang Grenzen zu überwinden und auch dem Stillen ganz bestimmter Emotionen. 

Es begann vor mehr als 300 Jahren. Europa war ergriffen von der Renaissance. Antike Ideen wurden neu erweckt. Statt Beständigkeit wurde die Neugierde beliebt. Die Menschen streiften den dunklen Film des Mittelalters ab und begaben sich in eine helle Zukunft, in Richtung der Aufklärung und Moderne – aufbauend auf der Antike. Und so begab es sich, dass es unter den Angehörigen des europäischen Adels schnell zum guten Ton gehörte, auf eine Grand Tour zu gehen.

Doch was war diese Tour? Am Ende der klassischen Bildung der Söhne der Herrscher, sollte eine Reise durch Europa stehen. Besonders Italien, als Kern des Römischen Reichs, war dabei das Sehnsuchtsziel. So schickten Generationen von Adligen, besonders Briten, ihre Söhne und teilweise auch Töchter nach dem Ende ihrer Ausbildung für mehrere Monate oder gar Jahre über den Kontinent. Für die Söhne der britischen Inseln begann die Reise in Frankreich. Oftmals zu Pferd oder in Kutschen, selten zu Fuß. Und natürlich, je nach Reichtum und Stand der Eltern, mit gewaltig Geld, Gepäck und Gefolge. Komfort und Kofferraum des GT lassen grüßen. Gleich dem Mechaniker und Navigator folgte der adlige Spross den Anweisungen seines mitreisenden Tutors. Dieser war erfahrener, kannte die Gegend, war in den Sprachen bewandert und gab die Route vor. Aus so manchem Dilemma sollten die Tutoren ihre Schützlinge befreien – und was wäre ein guter Pilot ohne seinen Beifahrer.

Paris war zumeist einer der ersten obligatorischen Punkte, den die jungen Briten ansteuerten. Sie besichtigen die Architektur, besuchten die Höfe, nahmen Unterricht in Fechten, Reiten und Sprachen. Nach dem Weg durch Frankreich folgte die notwendige Alpenquerung. Der Simplonpass oder die Mittelmeerroute waren die beliebtesten, stellten aber auch die schwierigsten Abschnitte der Grand Tour dar. Wohl auch, da die zuvor lange genutzten Kutschen hier kaum halfen, sondern zerlegt und über die Pässe transportiert werden mussten. An Wintersport oder Bergsteigen war noch nicht zu denken, lediglich Entbehrung und Lebensgefahr wartete auf die Grand-Touristen. Hinter dem Alpenhauptkamm entschädigte aber bereits der Sehnsuchtsort. Italien. Die heutigen Metropolen des Piemont, wie Mailand und Turin, ließen die Reisenden gern links liegen, denn das Herz der Renaissance galt es zu erobern. Die Toskana. Florenz mit seinen Palazzi, seiner Kunst und seinen Kirchen war besonders beliebt. Danach folgte als Krönung fast jeder Grand Tour, der Besuch der Ewigen Stadt Rom. Dieser ist selbst in heutiger Zeit für manch Altsprachliches Gymnasium ein notwendiger Zielpunkt der „Abi-Fahrt“. Nach Rom ging es gen Neapel – einer der größten Städte der Welt zu jener Zeit – und zu den vorgelagerten Inseln wie Capri und Ischia oder den Ruinen von Pompeji und Herculaneum am Fuße des Vesuv. Nachdem die jungen Blaublüter sich ausreichend an der mediterranen Sonne und ihren Verlockungen labten, zogen sie an der Ostküste gen Norden. Dort empfing sie Venedig, bevor sie über den Brenner nach Deutschland zogen.

Die Ländereien nördlich der Alpen war verglichen mit Italien eher unbeliebt. Nicht nur aufgrund des schlechteren Wetters, aber auch wegen der zahlreichen Dialekte, die besonders die Übersetzer zur Verzweiflung trieben. Auch die unüberschaubar vielen Kleinstaaten und ihre verwirrenden Grenzen, sorgten nicht gerade für Jubelstürme. Die Deutsche Verwaltung war bereits damals ein kaum zu durchschreitendes Labyrinth. Doch ein weiterer wichtiger Punkt der Grand Tour kam zum Tragen. Nicht nur Sprachen, Länder und Leute galt es für die künftigen Entscheidungsträger kennenzulernen. Sondern auch eine standesgemäße Ehefrau zu werben. Die Brautschau an den Höfen Europas, war für die jungen Adligen ebenso wichtig, wie die inoffizielle Anweisung, sich die Hörner abzustoßen. Besonders in Italien wurden die Zimmer der Gasthöfe mit weiblicher Gesellschaft vermietet. Was am heimischen Hofe als unschicklich galt, sollte der Spross doch in der Ferne erledigen, um sich dann nach Ende der Reise einem Leben als sittsamer Ehemann hinzugeben. 

Schon Goethe mochte Urlaub. Hier ist er in Italien wie viele seiner Zeitgenossen auch.

Diese langen Reisen den Adels gehörten mit der Zeit der Vergangenheit an. Mit der Französischen Revolution, verloren sie endgültig an Bedeutung. Zunehmend unternahmen Bürgerliche Bildungsreisen. Die Reisenden waren älter, dafür weniger finanzkräftig und die Touren kürzer. Der Abschluss einer Ausbildung oder Brautschau und Verwandtenbesuche herrschender Häuser traten in den Hintergrund. Der persönliche Erkenntnisgewinn und die Erholung traten hervor. Doch auch nach Jahrhunderten blieb Italien ein Sehnsuchtsort. Heute noch reisen jedes Jahr aufs Neue, Menschen über die Alpen ans Mittelmeer. Sie bewundern die Landschaft, durchqueren das Land von Nord nach Süd und Ost nach West. Überschreiten Bergpässe und besuchen alte Ruinen. Flanieren durch Renaissancestädte und bestaunen monumentale Kathedralen. Auch wenn heute der Urlaub mit dem Auto stattfindet, weit kürzer ist und durchaus weniger beschwerlich. So fahren auf den Straßen, die junge Leute vor Jahrhunderten auf ihrer Grand Tour nahmen, auch heute noch Menschen, die ein fremdes Land erkunden. So mancher mit den Buchstaben GT auf dem Heck seines Autos. 

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