Klassiker Reisen

Route 66: Eine Straße, die es nicht mehr gibt, erinnert an eine Zeit, die es nie gab.

Es gibt viele berühmte und berüchtigte Straßen in den Vereinigten Staaten von Amerika. Ob Hollywood Boulevard, Broadway, Wall Street, Philadelphia Avenue oder der Rodeo Drive. Aber zur Hauptstraße der gesamten Nation wurde eine ganz andere: Die Lebensader eines Traums und des Drangs nach Westen, der so typisch für die USA ist. Der legendäre US-Highway mit der Nummer 66.

Von Fynn Göttsche

„Go West, Young Man!“, schrieb der Zeitungsverleger Horace Greeley im 19. Jahrhundert einer ganzen Generation von Amerikanern ins Stammbuch und forderte sie auf, im Westen ihr Glück zu suchen. Der Weg in Richtung Sonnenuntergang – voller Verheißung und Neubeginn – war seit jeher ein bestimmendes Motiv in der Geschichte der USA. Es begann mit den Pilgervätern, die vor vierhundert Jahren mit der Mayflower über den Atlantischen Ozean in eine ungewisse Zukunft in der Neuen Welt segelten. Seitdem suchte jede Generation von Amerikanern und solchen, die es werden wollten, auf das Neue den Weg an die „Frontier“. Meist mit wenig mehr als ihrem Pioniergeist in den Taschen, aber voller Tatendrang. Egal ob die Siedler, welche die Appalachen überschritten oder die Bürgerkriegsveteranen, die im Takt mit Eisenbahn und Telegrafenmasten die Great Plains durchquerten – es ging immer einen Schritt weiter Richtung Pazifik. Auch wenn alle Stricke rissen und jemand vor dem Nichts stand. Der Weg nach Westen war für ihn stets offen. Am Ende wartete das „Gelobte Land“.

Zeitungsverleger Horace Greeley (1811-1872) von ihm stammt das Zitat „Go west, young man, go west and grow up with the country“.

Westwärts nimmt der Gang des Imperiums seinen Lauf

Ob für die Goldgräber die Rocky Mountains, den Farmern die fruchtbaren Felder Kaliforniens oder den Hippies die Küstenstädte des Pazifischen Ozeans. Für jeden lag dort ein Fundament seines ganz persönlichen American Dream. Aber für viele war es auch ein Albtraum. Unzählige scheiterten auf dem Weg an die Frontier. Sie verhungerten, erfroren, erlagen dem rechtlosen Wilden Westen. Von Gesetzlosen ermordet, zerfleischt von Kojoten oder skalpiert von den Indianern, deren Land sie raubten. Doch als Manifest Destiny – offenkundige Bestimmung – sahen die Amerikaner die Besiedlung des Landes von Ost nach West, dem nichts entgegenstehen durfte. Im Treppenhaus des US-Kapitols hängt daher bereits seit 1861 ein monumentales, sechs mal neun Meter großes Gemälde mit dem Titel „Westward the course of empire takes its way“. Soll heißen: Westwärts nimmt der Gang des Imperiums seinen Lauf. Dieses Kunstwerk zeigt Pioniere in ihren Planwagen, die den Sonnenuntergang am Golden Gate bei San Francisco und somit das westliche Ende des amerikanischen Kontinents erreichen. Ein Symbol, das auch hundert Jahre später noch aktuell bleiben sollte.

Das Gemälde „Westward the course of empire takes its way.“ von Emanuel Leutze hängt seit 1861 im westlichen Treppenaufgang des Repräsentantenhauses im US-Kapitol.

Die letzte große Migrationswelle rollte in den 1940er Jahren durch die USA, als eine Million Menschen Texas und Oklahoma verließen. Ihre Heimat war aufgrund von Dürre und ausbleibenden Ernten zur „Dust Bowl“ geworden. Diese Staubschüssel trieb ihre Einwohner erneut – wie so oft – nach Westen. Zu den Obstplantagen und boomenden Metropolen Kaliforniens. Der Weg, den sie nahmen, wurde zum Symbol einer Nation, eines Strebens und eines Traums. Die Route 66.

Manch alter Streckenabschnitt verweist noch auf den alten Namen.

Die Hauptstraße einer Nation

Diese Trasse war eine der ersten zusammenhängenden Straßenverbindungen von Chicago zum Pazifik. Sie endete direkt am Santa Monica Pier im kalifornischen Los Angeles und führte etwas weniger als 4000 Kilometer durch ein Amerika aus Erwartungen, Träumen und dem tiefen Glauben, dass das „Streben nach Glück“ entlang eines ganz bestimmten Weges verlaufen kann. Die 1926 eröffnete Direktverbindung füllte größtenteils Streckenlücken innerhalb bereits bestehender aber noch getrennter Verkehrssysteme. Bei der Eröffnung der „66“ war lediglich ein Drittel asphaltiert. Dazwischen ging es noch bis 1938 über Schotterpisten und unbefestigte Spurbahnen voran. Meist auf den gleichen Routen, die bereits mehr als einhundert Jahre zuvor die ersten Siedler in ihren Planwagen nahmen. Keine schöne Art zu reisen, doch die Verheißungen des Westens entschädigten für sämtliche Strapazen.

Geradeaus in den Sonnenuntergang. Die Route 66.

Von Chicago aus führte die Landstraße noch nach Süden durch Illinois und Missouri. Es folgten zwanzig kurze Kilometer durch Kansas, bevor die Strecke den direkten Weg nach Westen durch Oklahoma und Texas nahm. Nachdem New Mexico und Arizona durchquert wurden, erreichte die Route 66 schließlich den Pazifischen Ozean im „Golden State“ Kalifornien. Die „Mother-Road“ genannte Verkehrslinie durchzog auf ihrem Weg die unterschiedlichsten Landstriche. Sie begann an den Großen Seen im Norden und passierte die Mündung des Missouri in den Mississippi bei St. Louis – dem Tor zum Westen. Danach führte  sie durch die malerischen Ozarks im mittleren Westen, bevor die unendlichen Weiten der Great Plains folgten. Der Highway schlängelte sich südlich durch die Wüste am Fuß der schneebedeckten Gipfel der Rocky Mountains vorbei, überquerte den Rio Grande, gefolgt vom landschaftlichen Farbenspiel der Painted Desert. Er passierte mit  Flagstaff das Tor zum Grand Canyon und kreuzte den Colorado River. Hinter dem Fluss wartet bereits Kalifornien, aber auch die pure Lebensfeindlichkeit der Mojave-Wüste. Nach einem letzten Anstieg auf die Los Angeles Ranges, folgt das Ende der Reise das Panorama der Millionenmetropole und der Santa Monica Pier am Pazifik.

Das Ende eines fast 4000 Kilometer langen Sehnsuchtsweges.

Eine Straße zu den Menschen und einem Mythos

Doch nicht nur die abwechslungsreiche und malerische Landschaft beiderseits der Straße prägte ihr Image. Es war das Treiben auf und an ihr, was den Mythos „Route 66“ nahezu unsterblich machte. Die „Mother Road“ führte noch durch Dörfer, Städte und direkt zu den Menschen, die an ihr lebten. An der Route 66 entstand vieles, das wir heute als typisch amerikanisch bezeichnen. Die ersten Motels und der erste McDonalds fanden sich ebenso an Amerikas einstiger Hauptstraße, wie auch die erste Tankstelle der USA. Unzählige Geschäfte, Restaurants, Touristenfallen und Sehenswürdigkeiten reihten sich entlang des Weges wie an einer Perlenschnur auf. Genauso glänzte die Straße auch. Im Wettstreit um Gäste und Kunden überboten sich die Geschäftsleute an der Route 66 mit ihrer bunten, grellen und lauten Werbung. Die überbordende Menge an flimmernder Leuchtreklame wurde wohl nur vom Las Vegas Strip und dem Times Square in New York übertroffen. Dörfer bauten überdimensionierte Wahrzeichen, wie einen riesigen Astronauten, einen Wal oder einen bewusst schief aufgestellten Wasserturm. Hauptsache sie fielen auf und der Reisende hielt an. Doch es folgten ebenso wieder ruhige und romantische Abschnitte. In diesen wand sich die einspurige Straße um Hügelkuppen oder durch schier unendliche Wüsten und Maisfelder, bevor im nächsten Ort die Einheimischen wieder um die Aufmerksamkeit und Dollars der Durchreisenden buhlten.

Bis in die 1960er Jahre war die Route 66 die Hauptverbindung zwischen Ost- und Westküste. Doch die schmale, kurvenreiche Strecke war zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr dem stetig steigenden Verkehrsaufkommen gewachsen. Nicht nur ein Großteil des Fernhandels zwischen Atlantik und Pazifik und damit der Wirtschaftsleistung der USA bewegte sich an und auf dieser Straße. Filme wie „Easy Rider“ oder „Früchte des Zorns“ zogen Touristen an, deren Ziel nicht am Ende des Weges lag, sondern der Weg selbst war. So kam es dann auch, dass die Interstate-Highways nach und nach die Route 66 ersetzten. Vielfach liefen diese „amerikanischen Autobahnen“ parallel zum alten Streckenverlauf, aber oft glichen sie auch Umwege aus, umgingen Städte und Berge und verloren so den Bezug zur romantischen, alten Route 66. Die Idee für das Interstate-System, das heute die Hauptlast des Verkehrs trägt, brachte übrigens Präsident Eisenhower nach dem Krieg aus Deutschland mit, wo er die Autobahnen kennenlernte. Doch Highways wie die Route 66 waren wie alte Bundesstraßen aus einer Zeit vor Tangenten und Ortsumgehungen. Sie führten noch zu den Menschen, die dort lebten, und nicht über vielspurige, durch Schallschutzwand und Leitplanke abgeriegelte Asphaltmagistralen, deren einziges Unterscheidungsmerkmal der regionale Dialekt des Kassierers in der Tankstelle ist. Am 26. Juni 1985 verschwand schließlich der Name „Route 66“ aus dem Straßenregister der USA, als das letzte Teilstück in Arizona von der Interstate-40 geschlossen wurde. 

Enge Kurven und harsches Land prägten den Charakter der Route 66.

Heute lebt die alte aber längst legendäre Route 66 noch von ihrem Mythos. Dem Drang nach Westen und der Erkenntnis, dass der Weg das Ziel sein kann. Entlang der einstigen Hauptstraße Amerikas finden sich heute viele ehemalige Geschäfte, Restaurants, Tankstellen und Motels, ja ganze Dörfer völlig verlassen vor. Sie stehen da wie vor 60 Jahren. Wie ein Schaufenster in ein Amerika der „guten alten Zeit“, das es so nie gab. Die ausgedienten und zum Teil überwucherten Abschnitte der Strecke werden meist nur noch von Einheimischen genutzt. Auf anderen, besser erhaltenen Teilen entwickelt sich eine Art von Tourismus, der die Besucher in diese „gute alte Zeit“ zurückversetzt. Motoradtouren, Roadtrips, Urlaub in der Erinnerung an die Jugend oder das Arbeitsleben, die manch einer an diese Straße verlor. Nicht wenige mieten sich einen Oldtimer und fahren die alte Route noch einmal ab. Hindurch zwischen verfallenden Zeugen einer vergangenen Ära, aber auch liebevoll restaurierter amerikanischer Geschichte. Viele kommen auch, um ein anderes Amerika zu suchen. „Das Amerika vor McDonalds“ wollen sie aufspüren. Nicht wissend, dass dieses Amerika genau an dieser Straße geboren wurde.

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