Fahrbericht

Panorama: Donkervoort JD-70 – Leichtfuß statt Holzschuh

Weniger ist mehr – wenn einer diese Formel beherrscht, dann Joop Donkervoort. Denn vor den Toren von Amsterdam baut der Holländer seit über 40 Jahren Sportwagen, die kaum mehr sind, als ein Nichts mit zwei Sitzen und einem Motor. Und die entsprechend viel Spaß machen. Zum 70 Geburtstag hat er jetzt sein Meisterstück abgeliefert.

Von Benjamin Bessinger

Es ist zum verrückt werden! In welche Richtung man aus Lelystad auch hinaus fährt, nirgendwo findet man eine Kurve. Und auch keine Steigung. Und erst recht nicht beides zusammen. Denn Lelystad liegt in der Provinz Flevoland, jenem Teil der Niederlande, den die Holländer komplett dem Meer abgerungen haben. Deshalb ist die Landschaft dort noch flacher und die Straßen sind noch gerader, als sie es bei unseren nordwestlichen Nachbarn ohnehin schon sind.

Vor den Toren von Amsterdam baut Donkervoort seit über 40 Jahren Sportwagen. Foto: Luuk van Kaathoven

 Und ausgerechnet hier baut Joop Donkervoort einen Sportwagen, der sehnsüchtiger nach Kurven und Kuppen giert als jedes andere Auto. Denn seit der einstige DAF-Ingenieur mal einen Lotus Seven gesehen hat, ist er Feuer und Flamme für diese Fahrmaschine. Zumindest dem Prinzip nach. Nur dass er die Konstruktion – nun ja – ein wenig alltagstauglicher gemacht und über die Jahre auf Ferrari-Niveau gehoben hat. Einen Donkervoort D8 GTO mit einem Lotus Seven zu vergleichen, ist deshalb ein bisschen so, als würde man einen Porsche 911 mit einem Käfer vergleichen. Beide nach dem gleichen Prinzip konturiert, doch Welten auseinander. Und mit dem neuen JD70 werden die Unterschiede noch einmal größer. Denn um im Bild zu bleiben, ist der so etwas wie der 911 GT2 RS. Oder eigentlich die holländische Antwort auf Ferrari, Lamborghini oder McLaren. Nur dass der auf 70 Exemplare limitierte Donkervoort exklusiver ist als die meisten Italiener und Engländer – und mit einem Grundpreis von 198.000 Euro trotzdem weniger kostet.

Dank Hinterradantrieb und viel Leistung dreht sich der Donkervoort auch auf der Stelle. Foto: Luuk van Kaathoven

Jetzt ist Holland ja keine ganz so große Automobilnation und ist es auch nie gewesen. Doch mittlerweile ist Donkervoort in Holland der „Last Man Standing“. Denn DAF gibt es nicht mehr und Spyker ist pleite. Nur in Lelystad bauen sie jetzt seit mehr als 40 Jahren tapfer weiter Autos, und kommen dabei immerhin auf etwa einen Wagen pro Woche. Und weil der Chef gerade einen runden Geburtstag feiert, haben sie ein weiteres Mal Hand angelegt an den D8 GTO und daraus zum Siebzigsten den JD70 gemacht.

Wie es sich zu so einem Anlass gehört, ist das Auto etwas ganz Besonderes. Denn mit einer maximalen Querbeschleunigung von über 2G bietet er mehr Seitenhalt als jeder andere Straßensportwagen. Und das ohne spezielles Tuning. Sondern man muss einfach einsteigen, die Hosenträger-Gurte festzurren, Gas geben und am Lenkrad reißen – schon stellt man die Physik auf eine schwere Probe. Zumindest in der Theorie. Denn in der Praxis bräuchte man dafür halt mal ein paar Kurven. Und immer nur durch die vielen Kreisverkehre rund um Lelystad zu jagen, ist auf Dauer selbst in einem Donkervoort langweilig.

Vorbild ist der Lotus Seven. Foto: Luuk van Kaathoven

Wo andere Sportwagen für solche Querkräfte Flügel groß wie die Theken für die in Holland so beliebten Fritten brauchen, reichen dem Donkervoort der mechanische Grip eines extrem satten Fahrwerks und die Klebekraft der Nankang-Reifen. Ja, auch er hat einen voll verkleideten Unterboden. Und jetzt, wo sich die Niederländer wieder Sidepipes für den Auspuff erlauben, ist hinten noch Platz für einen großen Diffusor. Doch ansonsten ist der gefährlich nach Eidechse ausschauende Einbaum nackt, reckt seinen Bug flügellos in den Wind sieht mit seinen freistehenden Rädern genauso aus wie immer.

Warum das für den JD70 trotzdem ein leichtes ist? Weil das Auto ein leichtes ist. Keine 700 Kilo bringt das Auto auf die Waage, der aus nicht viel mehr besteht als aus einem 60 Kilo leichten Gitterohr-Rahmen, auf den ein paar Karbon-Paneele geklebt sind. Jeder Fiat 500 ist schwerer, und selbst der leichteste Ferrari wiegt fast doppelt so viel. Sollen die Holländer sonst ruhig mit ihren schweren Holzschuhen durch die Gegend schlappen, das hier ist Bruder Leichtfuß.
Ach, wenn es hier doch bloß ein paar Kurven gäbe!!

Die Autos sind kaum mehr als ein Motor mit vier Rädern. Foto: Luuk van Kaathoven

Aber der Leichtbau hilft ja Gott sei Dank nicht nur bei der Querbeschleunigung, sondern macht den Holländer auch zum perfekten Sprinter. Und das mit einem vergleichsweise bescheidenen Motor. Denn unter der langen Haube – das einzige Karosserieteil aus Alu statt Karbon – steckt der legendäre 2,5-Liter von Audi, den die Bayern in RS3 oder TT RS einbauen. Nur dass der JD80 nicht mal halb so schwer ist. Statt Quattro und einem Dutzend Fahrdynamik-Rechner gibt es ehrlichen Heckantrieb und sonst nichts – außer dem vorgeschriebenen ABS. Und wo Audi eine Doppelkupplung einbaut, bändigt man den Motor im Donkervoort mit einem extrem knackigen und ultra-kurz geführten Fünfgang-Getriebe. Jede Steptronic hat dagegen endlos lange Schaltwege.

Natürlich mögen sie über die 422 PS und 520 Nm in Maranello oder Woking nur lachen. Doch bei diesem Leistungsgewicht bleibt ihnen das Lachen schnell im Halse stecken. Nach 2,7 Sekunden um genau zu sein. Denn länger braucht der JD nicht, bis er auf Tempo 100 ist, 200 km/h sind nach 7,7 Sekunden erreicht und wer sich traut und eine einsame Straße hinter den Deich findet, der schafft bei Vollgas bis zu 280 km/h. Auf dem Papier mag das weniger sein als bei Ferrari oder McLaren. Aber in der Praxis fliegen einem da längst die Löcher aus dem Käse, so schnell fühlt sich der Donkervoort an.

Die Landstraße ist das Revier des Sportwagens. Foto: Luuk van Kaathoven

Obwohl der JD70 leichter ist als alle anderen Autos, puristisch und radikal, ist er kein frugales Verzichtsauto im Stil eines Caterham oder einer Lotus Elise. Es gibt feines Leder, es gibt schmuckes Sichtkarbon und es gibt ein liebevolles Cockpit, das eher an einen alten Kampfflieger erinnert als an einen Rennwagen. Davon könnten sie sich selbst bei Audi noch eine Scheibe abschneiden. Aber spätestens wenn das Dach runter ist und das Tempo rauf, fühlt man sich auch eher wie ein Pilot denn ein Fahrer. Willkommen im fliegenden Holländer. 
Zwar ist auch der JD70 ein puristisches Auto, bei dem nichts die Fahrpreise verwässert. Deshalb gibt es außer einem ABS auch keinerlei elektrische Helfer. Doch überrascht der Donkervoort nicht nur mit erstaunlich viel Restkomfort, der ihn sogar zum Reiseauto macht. Nicht umsonst passen hinter die Sitze zwei große Reisetaschen. Sondern zum Siebzigsten gibt sich Firmenchef Joop Donkervoort altersmilde und gewährt den Weicheiern unter seinen Kunden immerhin die Option auf eine Servolenkung. Er selbst fährt natürlich weiter ohne – erst recht daheim, wo er ja eh kaum Lenken muss. Denn obwohl er seine Heimat kennt wie kein zweiter hat auch er noch nicht sehr viele Kurven gefunden. 

%d Bloggern gefällt das: