E-Mobilität Motorsport

Motorsport for Future: Extreme E(ngagiert)

Von Fynn Göttsche

Der Klimawandel hat die Automobilindustrie fest im Griff. Die Abgasnormen der EU zwingen die Hersteller zur Emissionsreduktion ihrer Produkte, sonst drohen horrende Strafen. Elektro- und Hybridautos drücken dank umfangreicher staatlicher Förderung in den Markt. Dienstwagenflotten der Automobilkonzerne werden umgestellt und in den Werkskantinen heißt es heute: „Veggie“ statt „Wurst“! Und natürlich macht diese Entwicklung auch vor dem Motorsport nicht halt.

Seit 2014 gibt es mit der Formel E bereits hochklassigen, elektrisch angetriebenen Rennsport auf Rundstrecken. Einer der Väter der Formel E, Alejandro Agag, geht nun einen Schritt weiter und entwickelte die Serie Extreme E. Diese nimmt sich besonders Umwelt und Gesellschaft an. Ende Oktober erfolgte die virtuelle Ankündigung des Projektes: Strecken, Teams, das einheitliche Fahrzeug und sogar ein Schiff wurden vorgestellt. Umweltaktivisten kommen zu Wort. Fridays for Future und Black Lives Matter werden erwähnt. Doch einige Partner verwundern.

Verantwortung für den Klimawandel

Die Grundidee hinter der Extreme E liegt in der Verantwortung des Menschen für den Klimawandel. Da weltweit mehr Menschen Sport schauen, als Umweltreportagen, wollen die Macher die Plattform nutzen, um auf die aktuellen Probleme des Planeten Erde aufmerksam zu machen. Im Kern dessen steht ein vollelektrisches Auto: der Odyssey 21. Der Motor des 1650 Kilogramm schweren SUV leistet 400 kW (550 PS) und beschleunigt das Gefährt in 4,5 Sekunden auf Tempo 100. Der Top-Speed liegt bei 200 km/h. Steigungen bis zu 130 Prozent sollen für den Odyssey 21 kein Problem sein. Die Kraft dazu kommt aus einem 400 Kilogramm schweren Akku im Boden des Boliden. Alle neun Teams werden mit dem gleichen Modell ausgestattet. In der ersten Saison können die Teams das Exterieur ihres Rallye-Cars selbst bestimmen. Ab der dritten sollen sie erste Bereiche der Technik beitragen können.

Die beiden Fahrerplätze im Team werden jeweils von einem Mann und einer Frau eingenommen. Denn die Extreme E setzt nicht nur auf Nachhaltigkeit sondern auch auf Geschlechter-Gerechtigkeit. Damit ist sie die erste Rennserie, die ein ausgeglichenes Geschlechter-Verhältnis im Fahrerlager vorweist. Die beiden Teammitglieder fahren im selben Auto und sind so auch abwechselnd die Beifahrer ihrer Partner. 

Fünf Etappen in bedrohter Natur

Im Jahr 2021 sind fünf Etappen der Extreme E geplant. Diese sollen an besonders vom Klimawandel bedrohten Orten stattfinden, um auf das Leid aufmerksam zu machen. Los geht es im März in der saudischen Wüste. Diese Wüste ist zwar nicht wirklich vom Klimawandel bedroht, betonten die Macher doch sogar, dass sie die am längsten bestehende Wüste der Welt sei. Vielleicht haben die wirklich von Desertifikation bedrohten Länder, einfach nicht genug Geld. Die Botschaft der Extreme E von Geschlechter-Gerechtigkeit und Klimaschutz könnte bei den Saudis aber doch ganz gut ankommen. Zwar sind Frauen immer noch fast rechtlos und ihrem Ehemann, Vater, Sohn oder anderen männlichen Verwandten als Vormund unterworfen. Aber immerhin dürfen sie seit zwei Jahren sogar Auto fahren und kommen dafür nicht mehr ins Gefängnis. Welch ein Glück für die Fahrerinnen der Rallye. Da die Saudis seit Jahren die Liste der größten Erdölförderer anführen, liegt ihnen der Klimawandel und die Abkehr von fossilen Brennstoffen, sicher am Herzen. Dass der saudische Sportminister persönlich eine Grußbotschaft zu Beginn des Virtual Launch der Extreme E abgab, zeugt ganz bestimmt vom schlechten Gewissen der absolutistischen Monarchie. Ganz sicher nicht von Kalkül oder einem Imageproblem, das auf dem Engagement im Bürgerkrieg im Jemen oder dem Zerstückeln unliebsamer Journalisten begründet ist.

Nachdem die Extreme E Saudi-Arabien hinter sich lässt, geht es in wirklich bedrohte Regionen des Planeten, wie den Senegal. Die von Plastikmüll und steigendem Meeresspiegel bedrohte Küste, des Landes in Westafrika, stellt die zweite Station der Rennserie dar. Danach warten die schwindenden Eisflächen Grönlands auf den Rennzirkus. Diese dritte Etappe findet auf Flächen statt, die vor wenigen Jahren noch unter dem Ewigen Eis verborgen waren. Es folgt die von Waldbränden und Abholzung bedrohte grüne Lunge unseres Planeten, der Amazonas-Regenwald. Abschluss der Saison ist an den abtauenden Gletschern Feuerlands in Argentinien. Alejandro Agag bezeichnete die Extreme E als Mischung aus der Rallye Dakar und dem Podrace aus Star Wars. Passenderweise findet die erste Etappe am Drehort des Filmes statt. Dass der Sklavenjunge Anakin Skywalker, der später zu Darth Vader werden sollte, dieses Rennen gewann, passt nur zu gut. Zwar schaffte Saudi-Arabien die Sklaverei immerhin 1963 offiziell ab, doch stecken auch heute noch Millionen von ausländischen Arbeitern im Kafala-System, das so anders nicht ist. 

Zweitägiges Event wird live übertragen

An jedem der fünf Rennorte findet ein zweitägiges Event statt. Es beginnt mit zwei Qualifikationen. Je nach ihren Ergebnissen werden die Teams in zwei Gruppen für die Halbfinals eingeteilt. Die besten vier Teams kämpfen in einer Gruppe um den Finaleinzug – drei von ihnen kommen weiter. In der zweiten Gruppe – dem Crazy Race – kommen die anderen vier zum Einsatz und nur einer kann das Finale erreichen. Wer nun weiter oben aufgepasst hat, wird bemerken, dass bisher neun Teams an den Start gehen. Das kleine Problem ist den Organisatoren zwar bekannt, eine Lösung haben sie aber noch nicht. Abwarten. Die Rennen bestehen aus jeweils zwei Runden von je acht Kilometern. Nach den Runden wechseln sich Fahrer und Fahrerin ab. Besonderheiten sind ein Bonus für den weitesten Sprung und eine Beteiligung der Zuschauer, die Punkte vergeben können. Die Zuschauer sind übrigens nur von Zuhause aus dabei. Eine Entscheidung, die bereits vor Social-Distancing fiel, denn die Organisatoren wollen die Natur vor Ort schonen. Der logistische Aufwand, Fans in die abgelegensten Winkel der Erde zu bekommen und zu beherbergen, war sicherlich auch ein Aspekt. Auf Bandenwerbung wird ebenfalls verzichtet. Diese wird lediglich am Bildschirm eingeblendet.

An den Rennorten will die Extreme E lokale Initiativen für den Umweltschutz unterstützen und einen bleibenden Effekt hinterlassen. Die Bevölkerung und die Natur sollen nachhaltig profitieren. Was in der saudischen Wüste passieren soll, bleibt natürlich offen, für andere Länder gibt es hingegen schon Kooperationspartner und konkrete Vorhaben. So ist beispielsweise das Pflanzen von einer Million Mangroven in den Küstenwäldern des Senegal geplant. Aber auch die Abläufe der Extreme E selbst, sollen CO2-neutral sein. Der Strom der E-Renner kommt aus solarbetriebenen Wasserstoffzellen. Anders als sonst bei großen Motorsportserien üblich, werden Material und Fahrzeuge auch nicht per Flugzeug zum Rennen transportiert, sondern per Schiff. Übrigens: In einem früheren Rennplan, war eine Etappe in Nepal geplant. Diese ist aus dem finalen Plan verschwunden. Die fehlenden Häfen im Himalaya könnten mutmaßlich ein Grund sein. Das Mutterschiff der Extreme E ist das umgebaute, ehemalige Postschiff St. Helena. Es fährt mit schwefelarmem Diesel statt mit Schweröl. Transportiert die Teams sowie das Material, dient als „Mutterschiff“ der Extreme E und beherbergt ein Forscherteam, das die Auswirkungen des Klimawandels untersucht. Die Wissenschaftler haben bereits zuvor die Austragungsorte auf ihre Verträglichkeit getestet. So wird nicht die verletzliche Natur genutzt, sondern beispielsweise abgeholzter Regenwald und Gelände, das durch den Eisrückgang freigegeben wurde.

Die St. Helena. Einst königlich britisches Postschiff im Dienste ihrer Majestät, heute Mutterschiff der Extreme E und unterwegs im Dienste von Klimawandel und Gleichberechtigung. Foto: Extreme E.

Unter den neun bisher bestätigten Kontrahenten finden sich große Namen wie Lewis Hamilton und Nico Rosberg. Ob sie selbst fahren, ist bisher nicht bekannt. Diese schicken ihre eigenen Mannschaften an den Start und knüpfen an ihre Formel-1-Rivalität an. Alles im Namen von Nachhaltigkeit, Umwelt und Geschlechter-Gerechtigkeit.

Der Odyssey 21 des Team X44 von Lewis Hamilton. Foto: Extreme E.
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