Klassiker

Lamborghini Jarama GT – der Liebling des Chefs wird 50.

von Fynn Göttsche

Ferruccio Lamborghini baute Traktoren und war damit ziemlich erfolgreich. So erfolgreich, dass er Ferrari fuhr. Angeblich war er mit dem Boliden aus Modena nicht so ganz zufrieden. Da Enzo Ferrari auf die von Ferruccio Lamborghini vorgebrachte Kritik nicht eingegangen sein soll, beschloss er kurzerhand selbst Sportwagen zu bauen. So zumindest die oft kolportierte Legende. Ab 1963 produzierte das Werk in Sant’Agata Bolognese schließlich die bekannten italienischen Supersportwagen. Als Markensymbol wählte der Eigentümer kurzerhand einen Stier. Nicht irgendeinen, sondern den berühmten spanischen Kampfstier Murciélago – zu deutsch „Fledermaus“. Der Stier ist stark und auch das Sternzeichen des Gründers. Diese Bewunderung für den Stierkampf sollte sich durch die Firmengeschichte ziehen und zu den Namen zahlreicher weiterer Lamborghini-Modelle beitragen. So war es auch vor 50 Jahren, als der Jarama erstmals vom Band rollte. Jarama ist zwar eigentlich ein Fluss östlich von Madrid. Doch diese Region ist besonders für ihre Kampfstierzucht bekannt. Im März 1970 wurde der Lamborghini Jarama GT erstmals auf dem Genfer Automobilsalon präsentiert. 

Der vergessene Lamborghini

Der Jarama GT gilt heute gelegentlich als der vergessene Lamborghini. Nicht nur aufgrund der seinerzeit mäßigen Nachfrage, auch die daraus resultierende, eher geringe Stückzahl von 328 Einheiten trug dazu bei. Hinzu kommt das zurückhaltende Interesse auf dem Oldtimer-Markt. Nur wenigen wird dieser Typ auf Anhieb einfallen, wenn nach Lamborghini Modellen gefragt wird. Dabei hatte der Jarama einen ganz besonderen Bewunderer. Ferruccio Lamborghini selbst, dessen Lieblingsmodell er zeitlebens blieb. In einem Interview aus dem Jahr 1991 beschrieb er den Jarama folgendermaßen:

„Ich ziehe den Jarama allen anderen vor, denn er ist der perfekte Kompromiss zwischen dem Miura und dem Espada. Der Miura ist ein Sportwagen für die Junggebliebenen, die rasend unterwegs sein wollen und es lieben gesehen zu werden. Ich finde den Miura nach einer Weile zu extrovertiert. Andererseits war der Espada mein Rolls-Royce: immer noch recht schnell, aber groß und komfortabel. Der Jarama ist das perfekte Auto, wenn man nur ein Auto haben will.“

Dieser Rückblick des Firmengründers, der die Marke 1972 verkaufen musste, zeigt das differenzierte Bild, dass er auf seine Produkte hatte. Beim Namen Lamborghini kommen vermutlich andere Modelle zu erst in den Sinn. Namen wie Huracan, Gallardo oder Countach. Doch sie alle sind nicht gerade das, was Ferruccio Lamborghini selbst an seinen Wagen schätzte. Der Jarama war zwar kräftig und komfortabel, aber eher dezent. Heutige Modelle schreien ihren Namen heraus, fallen durch bunte Farben und aufsehenerregende Formen auf. Der Jarama war anders. Der vergessene Lamborghini wurde trotz des Ausscheidens des Firmengründers bis 1976 produziert. Von 1970 bis 1973 als GT und ab 1972 auch als GTS. Seine Dynamik müss sich trotz der äußerlichen Zurückhaltung, aber nicht hinter anderen Modellen verstecken. Der vier-Liter-V12-Motor leistete 350 PS, diese beschleunigten den Jarama GT bis auf Tempo 260. Der GTS hatte noch einmal 15 PS mehr. Der Jarama war der letzte Lamborghini mit Frontmotor. Seitdem liegt das Aggregat dieser italienischen Sportwagen durchgehend in der Mitte. 

Ferruccio Lamborghini und sein Jarama.

Luxus und Irritation im Innenraum

Das 2+2 Coupé bot zumindest für Fahrer und Beifahrer ausreichend Platz. Lederbezüge und Klimaanlage sorgten für den gewohnten Luxus. Die Rücksitze waren höchstens für Kinder nutzbar, boten aber alternativ großzügigen Stauraum, da sie umklappbar waren. Die Armaturen sorgten hingegen für einige Kritik. Zwischen Lenkrad und Tacho waren mehrere unbeleuchtete Kippschalter angebracht, die nicht nur schlecht erreichbar waren, sondern auch schnell verwechselt wurden. Im Laufe der Produktion wanderten die Schalter deshalb in die Mittelkonsole. Das Exterieur des Jarama stammte von der traditionsreichen Designschmiede Bertone. Verantwortlich für die eckige Linienführung, ganz im Stile der 1970er, war Designer Marcello Gandini. Auffällig sind besonders die halbverdeckten Klappscheinwerfer. Diese gaben dem Jarama einen leicht verschlafenen Blick aus dessen vier Frontleuchten. Mit ein wenig Phantasie und in Anbetracht seiner Geschichte wirkt er daher fast gemächlich. Wie der Großvater, der zufrieden umhergeht, während die Enkel laut und schnell durch die Gegend rennen.

Es passt zur Historie der Marke Lamborghini, die nach zahlreichen Eigentümerwechseln inzwischen zum Volkswagen-Konzern gehört, dass das Lieblingsmodell des Firmengründers in Vergessenheit geriet. Die angebliche Gründungsgeschichte mit Enzo Ferrari und die Stierkampfthematik wurden von allen Inhabern der Marke gepflegt. Die Grundidee Ferruccio Lamborghinis, von einem komfortablen und straßentauglichen Sportwagen hat sich hingegen nicht durchgesetzt sondern wurde von immer stärkeren und brachialeren Supersportwagen überlagert. Die Schuld liegt aber nicht wirklich bei den Eigentümern. Sondern Modelle wie der Miura und der Countach kamen einfach so gut bei den Kunden an, dass die Marke ihrem Erfinder entwuchs. 

Der Jarama und der Countach. Foto: Lamborghini.
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