Motorsport

Die schönste Kurve der Welt, die gefährlichste Kurve der Welt.

Ein kleiner Bach und das 24-Stunden Rennen von Spa-Francorchamps. Einst verlief hier die Grenze zwischen zwei Ländern, heute gehen Mann und Maschine an ihre eigenen.

Von Fynn Göttsche

Vor genau 100 Jahren verschob sich die Grenze zwischen Belgien und dem damaligen Deutschen Reich. Als Folge des Ersten Weltkrieges fielen die Kreise Eupen und Malmedy an den westlichen Nachbarn. Einen Teil der ehemaligen Grenze bildete ein kleiner Bach, dessen Name heute wie kaum ein anderer für Grenzerfahrungen in einem ganz anderen Bereich steht: Dem Motorsport. Dieses Gewässer trägt den Namen Eau Rouge. 

Der 14 Kilometer lange Wasserlauf in den belgischen Ardennen, fließt quer durch den Circuit de Spa-Francorchamps und gab einer der aufregendsten Kurven der Renngeschichte ihren Namen. Eau Rouge heißt rotes Wasser. Es sind Eisenvorkommen in der Nähe, die dem Bach seine Farbe und so seinen Namen gaben. Durch die legendäre Kurvenkombination über ihm brettern regelmäßig Monster aus Eisen und Stahl. So auch wieder vom 24. bis 25. Oktober, wenn die Fahrer des 24-Stunden-Rennens von Spa-Francorchamps die „gefährlichste Kurve der Welt“ angreifen. 

Die Eau Rouge. Ein kleiner Schlenker? Mitnichten. Foto: Porsche.

Die Eau Rouge ist eine Links-Rechts-Kombination, die auf dem Rennplan nicht allzu stark auffällt. Doch das Höhenprofil der Ardennen schlägt hier voll durch. Innerhalb der gesamten Rennstrecke finden sich Höhenunterschiede von bis zu 100 Metern. Dies brachte dem Circuit de Spa-Francorchamps den Namen „Ardennen-Achternbahn“ ein. Michael Schumacher nannte sie schlicht „mein Wohnzimmer“. Er holte hier nicht nur seinen ersten Formel 1 Sieg, sondern gewann hier so oft wie nirgends sonst. In der kleinen Kurvenkombination der Eau Rouge durchqueren Fahrer und Auto 40 Meter Höhenunterschied. Zuerst geht es mit einer Neigung von 15 Prozent in einer Linkskurve bergab und nach einer brutalen Stauchung der Karosserie in der Senke mit bis zu 18 Prozent in einer Rechtskurve wieder bergauf – „Raidillon“ genannt. Zeitweilig sehen die Piloten nur Himmel und Baumkronen. Dieses kleine Teilstück verlangt das absolute Maximum von Fahrern und Rennboliden. Das Ziel eines jeden ist es, die legendäre Eau Rouge mit Vollgas zu durchqueren. Dies zu schaffen ist die große Herausforderung. Im Training – mit wenig Kraftstoff an Bord und keinerlei Rücksicht auf die Reifen – mag es recht einfach gehen. Aber nur das Rennen zählt.

Konstrukteure und Mechaniker stehen vor der Frage wie hart die Federung sein soll oder wie hoch die Bodenfreiheit. Der Spielraum zwischen dem Aufsetzen des Renners und dem Verlust der Bodenhaftung ist in der Eau Rouge nur ein schmaler Grat. Die hauchfeine Linie zwischen Fahrbahnkontakt des Chassis und dem Gripverlust der Reifen wird zum Gradmesser des Könnens von Pilot und Technik. Während der Episode wirken laterale G-Kräfte von 3,0 – vertikal sind es 2,5 G – welche die Fahrer in ihre Sitze und die Tourenwagen auf den Asphalt pressen. Reifen, Chassis und Felgen schreien unter dem Druck – so manche zerreist es. Es verwundert nicht, dass mehrere Rennfahrerleben tragisch in der Eau Rouge endeten. Unvergessen bleibt das Duell zwischen Jacky Ickx und Steffan Bellof im Jahr 1985, bei der Belloff sein Leben ließ. Zuletzt verstarb der Formel 2 Pilot Anthoine Hubert im Jahr 2019 in der Kurve. Jacques Villeneuve baute gar zwei schwere Unfälle in der Eau Rouge, die er unverletzt überstand. Autogramme soll er zeitweilig mit „I survived Eau Rouge“ unterschrieben haben.

Zu Beginn der Kurve fließt das 14 Kilometer lange Bächlein Eau Rouge unter der Rennstrecke hindurch. Die ist nur halb so lang. Bild: Porsche.

Sich dieser Gefahr bewusst, werden am Wochenende die Fahrer des 24-Stunden-Rennens mit bis zu 240 km/h durch die Eau Rouge fliegen. Ein kleiner Fehler kann wertvolle Zeit und Tempo kosten, die auf der Nachfolgenden langen Gerade schnell zu einem Rückstand führt. Doch wer sich zu sehr auf die Kurvenkombination konzentriert und etwa bei der Bodenfreiheit zu großzügig ist, wird den mangelnden Abtrieb auf dem Rest der sieben Kilometer langen Strecke bemerken. Insgesamt werden mehr als 2500 Kilometer von den einzelnen Teams gefahren und damit die Eau Rouge etwa 300 bis 400 Mal passiert. Den Ausschlag über Sieg oder Niederlage können also winzige Fehler in der spannendsten Kurve der Renngeschichte geben.

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