Klassiker

Porsches „Nummer 1“

Von Tim Westermann

Volkswagen geht an diesem Wochenende vom 16. bis 18. Oktober 2020 mit dem I.D. R bei der Goodwood Speedweek leider nicht weiter auf Rekordjagd und kehrt erst 2021 zurück. Das Datum der diesjährigen Vollgasparade erinnert aber dennoch an eine Legende aus Zuffenhausen, die nahezu zum gleichen Zeitpunkt vor 72 Jahren ihren Lauf nahm und vor zwei Jahren an eben jenem legendären Ort im Englischen Chichester ein rundes Jubiläum feierte. 

Porsche präsentierte 2018 mit der „Nummer 1“ den ersten Sprössling seiner erfolgreichen Unternehmensgeschichte, die mit unzähligen Siegen auf den Rennstrecken dieser Welt verbunden ist. Welcher Ort konnte passender sein, um klassische Meilensteine der Automobilhistorie mit neuesten Rennern aus dem Motorsport zu verknüpfen, als Goodwood. 

911, 356 oder 962 – diese Zahlen stehen für einen Mythos. Der Sportwagenbauer Porsche schreibt seit 72 Jahren seine ganz eigene Erfolgsgeschichte. Der Beginn lag allerdings nicht am heutigen Stammsitz in Stuttgart Zuffenhausen. Das erste Modell in einem verschlafenen Örtchen mitten im Nirgendwo Österreichs. Der tragische wie im Nachhinein auch zur Legende beitragende Grund dafür war der zweite Weltkrieg und ein alliierter Angriff auf Porsches heutige Heimat vor 72 Jahren. 

Rückblick: In der Nacht vom 19. auf den 20. Oktober 1944 fielen Bomben auf das Werksgelände der Firma Porsche in Stuttgart. Sie zerstörten Reparaturteile für Volkswagen und Volksschlepper, technische Zeichnungen und Akten verbrannten. Das Porsche Konstruktionsbüro suchte daraufhin einen anderen Standort. Zunächst plante Ferry Porsche, die Konstruktion und Verwaltung in die Nähe des Familienanwesens „Schüttgut“ bei Zell am See zu verlegen. Er fand eine Flugschule, die geeignet schien. Doch der Platz dort reichte nicht aus. In Kärnten sah es besser aus: Im kleinen Gmünd kaufte Porsche Gelände und Gebäude der „W. Meinecke Holzgroßindustrie Berlin-Gmünd“ auf. Etwa die Hälfte der inzwischen 588 Porsche-Mitarbeiter siedelte nach Österreich um. In Gmünd entstanden zahlreiche Behelfswerkstätten und in der Flugschule in Zell am See fand das Materiallager Unterkunft. Das provisorische Porsche-Werk in Gmünd erhielt von seinen Mitarbeitern einen Spitznamen: „Vereinigte Hüttenwerke“. 

Die Arbeit in Gmünd litt allerdings unter der Materialknappheit nach Kriegsende. Zwar erlaubten es die Alliierten den rund 140 verbliebenen Porsche-Mitarbeitern 1945, ihre Arbeit dort wiederaufzunehmen, doch es mangelte an allen Ecken und Enden. Und dann fehlten zu allem Überdruss auch noch die Chefs: Ferdinand Porsche und sein Sohn Ferry folgten im November 1945 der Einladung einer französischen Kommission nach Baden-Baden und wurden dort vom französischen Geheimdienst verhaftet. Ferry kam im März 1946 aus dem Gefängnis frei, sein Vater Ferdinand jedoch erst im August 1947. In der Zwischenzeit trug Ferry Porsche die ganze Verantwortung: „Nach dem Krieg wurde es für mich ernst, denn nun kam es alleine auf meine Initiative an.“ 

Ferry Porsche nutzte jedoch die Zeit im österreichischen Exil intensiv. Ihm schwebte schon seit geraumer Zeit ein eigener Sportwagen vor. Im Juli 1947 wurden die ersten Konstruktionszeichnungen für den Typ 356 VW-Sport fertiggestellt. Aus dem Projekt entwickelte sich schließlich der Porsche 356 „Nr. 1“ Roadster mit Mittelmotor. Er blieb ein Einzelstück, ist aber das erste Fahrzeug, das den Namen Porsche trägt. Gmünd in Kärnten ist damit die Keimzelle aller Porsche-Sportwagen.

Die in Manufaktur gefertigte „Nummer 1“ rollte 1948 aus der Produktion und erhielt Mitte Juni die Betriebserlaubnis. 70 Jahre später brachte Porsche das Original-Fahrzeug mit der Nummer 1 zurück an seine Geburtsstätte, um erneut die rund 250 Kilometer der letzten Abnahmefahrt aus dem Jahr 1948 zu erkunden. Auf eigener Achse rollte der weltweit erste Porsche, begleitet von neun Klassikern und neuen Typen aus sieben Dekaden Porsche-Historie, auf alten Fährten ohne technische Probleme bis ins Ziel. Dabei blickt die „Nummer 1“ auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Mehrfach wechselte dieser Roadster den Besitzer, wurde Opfer von Beschädigungen und zum Teil umgebaut. Das Zuffenhausener Unternehmen besinnt sich im Rahmen „70 Jahre Porsche“ auf seine Wurzeln und zeigt den Prototypen mit der Fahrgestellnummer 356-001 weltweit einer breiten Öffentlichkeit. Ferry Porsche, Vater des 356, hätte es gefreut.

Denn sein Traum vom eigenen Sportwagen nahm im Sommer 1947 unter der Projektnummer 356.49.001 Anlauf in die Realität. Die Maßzeichnung vom 6. Januar 1948 zeigt einen zweisitzigen Roadster mit Gitterrohrrahmen und Mittelmotor. Es ist ein Grundkonzept aus dem Rennwagenbau. Von der Karosserie abgesehen waren weitestgehend Volkswagen-Komponenten für Motor, Getriebe und Fahrwerk vorgesehen, die Porsche-typisch modifiziert wurden. Bereits im Februar 1948 war ein fahrbereites Fahrgestell fertiggestellt, für das wenig später ein schnittiger Roadster-Aufbau aus Aluminium angefertigt wurde. 

Im Juni 1948 erhielt der Prototyp die allgemeine Betriebserlaubnis der Kärntner Landesregierung. Dieses Datum gilt seitdem als die Geburtsstunde der Marke Porsche: Erstmals trug eine Entwicklung des renommierten Konstruktionsbüros auch den Familiennamen. Die Leistungsdaten ließen die Sportwagenenthusiasten seinerzeit bald aufhorchen: Der aus einem Volkswagen stammende Vierzylinder-Boxermotor wurde von 18 kW (24,5 PS) auf 26 kW (35 PS) gesteigert, denen 585 Kilogramm Leergewicht gegenüberstanden. Der Roadster erreichte damit spielend die Fahrleistungen weitaus stärkerer Konkurrenten und beeindruckt damit selbst noch heute.

Da das junge Unternehmen Geld benötigte, um weitere Fahrzeuge bauen zu können, verkaufte Porsche den Prototyp noch am Tag der Zulassung für 7 000 Schweizer Franken an den Unternehmer Rupprecht von Senger. Der Prototyp wechselte anschließend mehrfach den Besitzer. Nach einem Auffahrunfall wurde der Porsche 356 „Nr. 1“ Roadster repariert. Auf Wunsch des Eigentümers wurden dabei Front- und Heckpartie der Serienversion des Porsche 356 angeglichen. Unter anderem entstand dabei ein flacherer Bug und eine zwei- statt einteilige Heckabdeckung. 1952 erhielt der Prototyp außerdem einen 1,5-Liter-Motor sowie hydraulische Bremsen. 1958 tauschte Richard von Frankenberg, Rennfahrer und Chefredakteur des „Christophorus“, den 356 „Nr.1“ Roadster gegen einen 356 Speedster ein. 

Seither ist Porsche eines der ganz wenigen Automobilunternehmen weltweit, das noch über das erste jemals gebaute Fahrzeug der Marke verfügt. Als Original mit gelebter Geschichte wird der 356 „Nr.1“ Roadster nicht in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt, sondern aus Respekt vor seiner bewegten Vergangenheit in seinem heutigen Zustand einschließlich aller Umbauten und Veränderungen belassen. 

Der erste jemals gebaute Porsche ist nach wie vor voll funktionsfähig. Im Jubiläumsjahr 2018 war er im Rahmen einer Welttour nicht nur bei verschiedenen Events zu Gast, sondern auch bei historischen Rennen wie eben dem Goodwood Festival of Speed. Nur ging es für ihn, im Gegensatz zum Volkswagen I.D. R, nicht um die Jagd nach Rekorden. Vielmehr besitzt die „Nummer 1“ bereits jetzt einen ganz eigenen Rekord der ihm nicht zu nehmen ist. Nämlich der erste in Serie gebaute noch fahrbereite Klassiker seiner Marke zu sein.

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