KOMMENTAR

Ford präsentiert seinen ersten Stromer und legt die Axt an eine Legende

Stellen Sie sich vor, Sie bestellen eine Coca-Cola und der Kellner bringt ihnen eine zuckerfreie Orangenbrause. Zwar ist es auch ein feines Getränk, dass Ihnen gut schmeckt, aber irgendwie ist es doch keine Cola. Dieses Gefühl kommt zurzeit auch bei Autofans auf. Denn Ford stellt aktuell seinen neuen Mustang vor. Doch mit dem, was der Begriff Mustang in den zurückliegenden 56 Jahren bedeutete, hat dieses Modell irgendwie nicht mehr viel zu tun. Aber der Reihe nach.

Ein Kommentar von Fynn Göttsche

Mehr als zehn Millionen Mal rollte ein Mustang vom Band des Ford-Werkes in Dearborn Michigan. Eine amerikanische Ikone, Symbol von Freiheit, Fahrspaß und American Dream. Gedanken an die mehr als 500 Auftritte eines Mustang in Filmen und Serien – nicht selten als regelrechte Hauptfigur –  kommen auf. Ein zweisitziges Coupé, das ein Jugendtraum ganzer Generationen in den USA und dem Rest der Welt war. Der Mustang wurde der Prototyp und Namensgeber einer ganzen Gattung von Sportcoupés – den Ponycars, zu denen auch Pontiac Firebird, Chevrolet Camaro oder der Dodge Challenger gehörten. Lange Haube, kurzes Heck und starker Motor – die Grundlage eines jeden Coupé – verkörperten die sechs Generationen des Mustang, trotz eines ansonsten recht wandelbaren Äußeren. Selbstredend gab es über die Jahrzehnte den einen oder anderen Aufschrei unter den Fans bei den Designänderungen. Aber der Mustang blieb immer erkennbar ein Sportcoupé.

Doch die Nachrichten über den jüngsten Sproß dieser traditionsreichen Modell-Familie führen zu so einigem Kopfschütteln. Der neueste soll Mustang Mach-E heißen und wie der Name bereits sagt, ist dieser elektrisch. Das mag zwar die romantische Erinnerung an einen röhrenden V8-Motor aus den 1960ern trüben und vielleicht wäre die legendäre Verfolgungsjagd aus dem Film Bullitt auch weit weniger spektakulär. Die Vorstellung wie Steve McQueen die zwölfminütige Hochgeschwindigkeitshatz durch San Francisco abbrechen muss, weil er eine Ladesäule sucht, würde eine Neuauflage des Films sicher nicht nur seinen Charme nehmen. Der Elektroantrieb ist zwar heiß diskutiert und findet unter Puristen noch wenig Freunde, doch das Grundproblem des Mustang Mach-E ist nicht die Quelle seiner Kraft. 

Der Mustang I aus dem Jahre 1964. Der Grundstein einer amerikanischen Legende. Foto: Ford.

Aus dem Inbegriff des Zweisitzer-Sportcoupés wurde ein SUV mit vier Sitzen. Die Spöttischen unter uns mögen einwenden, der Mach-E sehe aus, als wäre ein Mustang zusammengestaucht und dann aufgepustet worden. Irgendwo zwischen Porsche Cayenne und BMW X6 ist dieser Ford nun äußerlich angekommen. Besonders erinnert er aber auch an seinen direkten Konkurrenten, Teslas Model Y. Die Frage drängt sich auf, ob Ford nicht genügend Modelle und Marken hat, denen ein Elektro-SUV gut zu Gesicht stünde. An SUVs mangelt es im Sortiment sicher nicht. Dass nun für das erste vollelektrische Auto von Ford einer der etabliertesten Typen seinen ganzen Charakter wandelt, stößt nicht gerade auf die angenehmsten Rückmeldungen. Um den eingangs erwähnten Vergleich aufzugreifen: es ist, wie bereits beschrieben, als brächte die Coca-Cola-Company eine zuckerfreie Orangenlimonade unter dem Namen Cola auf den Markt, obwohl Fanta bereits zu Firma gehört. 

Hans Jörg Klein, Geschäftsführender Direktor für Deutschland, Österreich, Schweiz & Geschäftsführer Marketing und Verkauf der Ford-Werke GmbH, freut sich über den neuen Mustang. Fans sind zwiegespalten. Foto: Ford.

Doch genug der Bestürzung, denn der Mustang geht glücklicherweise nicht gänzlich verloren. Weiterhin werden Sportcoupés mit dem Namen Mustang das Werk in Dearborn verlassen und auch das GT-Paket wird noch erhältlich sein. Das charakteristische Grollen eines V8-Motors ist nicht verschwunden, es bekommt nur einen surrenden Bruder.

Das GT-Paket gibt es allerdings ebenfalls für den Mach-E. Auch wenn das natürlich die Romantiker, die so ihre Probleme mit dem namensgebenden Pferd auf dem Kühlergrill eines Elektro-SUV haben, nicht im Ansatz beschwichtigt. So könnten die 465 Pferdchen unter der Haube, die Trauer zumindest ein wenig lindern. Der nicht wegzudiskutierende Vorteil des Elektroantriebs ist natürlich seine Antritt. Der Mach-E GT soll innerhalb von 3,7 Sekunden von Null auf Hundert beschleunigen. Für alle Straßen abseits der deutschen Autobahn genug, um so einigen Fahrspaß zu generieren. Danach geht es noch bis auf 200 km/h weiter, bevor der Motor zugunsten der Reichweite abriegelt. Die Basisversion des Mach-E soll je nach Motor bis zu 346 PS leisten und maximale Reichweiten von 610 Kilometern ermöglichen. Abgeriegelt ist der Stromer dafür aber bereits bei Tempo 180. 

Der Basis-Mach-E soll im Dezember 2020 ab 46.900 Euro erhältlich sein. Der Mach-E GT folgt Ende 2021. Der Blick in die sozialen Medien zeigt, dass der Stromer zwar gelobt wird, aber kein echter Mustang sei. Es bleibt daher abzuwarten wie diese Mischung aus Cola und Fanta am Markt ankommt, denn zumindest in den USA kennt niemand Mezzo-Mix.

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