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Panorama: Mit den Hyundai-N-Ingenieuren am Nürburgring

Sportliche N-twicklung

von Benjamin Bessinger

Da werden selbst die VW-Leute blass vor Neid. Jeder dritte Hyundai i30 trägt mittlerweile das Sportabzeichen „N“ auf dem Heckdeckel und kommt so auf einen deutlich größeren Verkaufsanteil als der Golf GTI. Und es geht sportlich weiter.

Schon wieder eine Baustelle! Jedes Mal, wenn Alexander Eichler hier draußen in der Eifel irgendwo die orangen Laster der Straßenmeisterei sieht, packt ihn der Zorn. Nein, nicht weil er dann mal langsamer fahren oder den Gegenverkehr passieren lassen muss. Und selbst mit den Baustellenampeln hat er kein Problem. Sondern weil dann spätestens in ein paar Tagen wieder ein paar Schlaglöcher verschwunden sein werden, Bodenwellen gebügelt und Kurven gerade gezogen werden. Dabei ist genau das der Grund, weshalb er so oft wie möglich sein Büro in Rüsselsheim gegen den Platz hinter dem Lenkrad tauscht und durch die Eifel kreuzt. Denn Eichler ist Testleiter für die N-Reihen im Hyundai-Portfolio und gibt den Sportlern der Koreaner auf und um den Nürburgring den letzten Schliff. „Diese Region ist für uns wie ein Brennglas und die Eigenschaften eines Autos werden sofort in aller Deutlichkeit sichtbar“, wird er zum Lokalpatrioten. Wo man sonst oft tage- oder wochenlang fahren müsse, könne man hier schon nach wenigen Minuten sagen, ob ein Fahrwerkssetup passt, die Schaltcharakteristik stimmt oder die Lenkung richtig eingestellt ist. Kein Wunder, dass Eichler Stammgast ist in der Eifel und bei den so genannten Industriewochen auf der Nordschleife. „Wir drehen 18 Wochen im Jahr unsere Runden auf dem Ring.“

Wie wichtig den Koreanern der Ring und die Region sind, sieht man aber nicht nur in Eichlers Kalender, sondern auch im Industriegebiet Meuspath, einen Steinwurf von der langen Geraden an der Döttinger Höhe entfernt, wo Hyundai gemeinsam mit der Schwestermarke Kia mittlerweile ein eigenes Testzentrum unterhält. Und man sieht es auf dem Heckdeckel jedes Sportmodells. Schließlich steht das N im Typenkürzel nicht nur für das heimatliche Entwicklungszentrum in Namjang und soll eine schmucke Schikane symbolisieren. Mit dieser Letter erweisen die Asiaten auch dem legendären Nürburgring die Ehre. 

Der Aufwand zahlt sich aus. Denn seit Hyudnai vor drei Jahren im i30 sein erstes N-Modell an den Start gebracht hat, kommt der GTI-Gegner auf einen konkurrenzlos hohen Verkaufsanteil „Im Schnitt jeder dritte i30 trägt das N-Logo auf dem Heckdeckel“, sagt Eichlers Chef Klaus Köster, der die Entwicklung der N-Modelle in Europa verantwortet. Und beim unkonventionellen Fastback sei der Anteil sogar noch etwas höher.

Deshalb bliebt es natürlich nicht beim i30. Eichler war in den letzten Monaten noch etwas öfter in der Eifel und hat dort letzte Hand angelegt an das zweite N-Modell: Den i20. Nachdem der i30N bereits erfolgreich im Revier von Golf GTI und Focus ST räubert, soll der i20N diesen Erfolg deshalb vom kommenden Frühjahr an eine Klasse darunter wiederholen und Polo GTI und Fiesta ST gehörig auf die Pelle rücken.

Dafür bekommt er nicht nur eine bulligere, vom WRC-Rennwagen inspirierte Karosserie, die sich bei der ersten Begegnung allerdings noch unter dem Tarnkleid des Prototypen versteckt, und einen 1,6 Liter großen Turbo, der 204 PS leistet und mit bis zu 275 Nm zu Werke geht. Die breiten Reifen auf den schmucken 18-Zöllern stecken auf einem gründlich gestrafften Fahrwerk, die Lenkung ist deutlich direkter und das manuelle Getriebe hat kürzere Schaltwege und gleicht beim Gangwechsel automatisch die Drehzahl an und ein mechanisches Differential beschleunigt die Kurvenfahrt. Dazu bissigere Bremsen, einen soundgewaltigen Klappenauspuff, ein variables Leuchtband im Drehzahlmesser wie bei den M-Modellen aus München, einen Schaltindikator mit LED-Blitzen wie im Rennwagen und vier Fahrmodi, die man mit zwei zusätzlichen Tasten direkt aus dem Lenkrad heraus schalten kann – fertig ist ein handlicher Kraftmeier, der den Polo GTI zu einem lustlosen Langweiler stempelt. 

Wenn man mit Eichler über die engen, verwunden Sträßchen der Eifel fliegt, merkt man schnell, dass sich der Aufwand hier oben am Ring gelohnt hat. Der i20 klebt förmlich auf dem schartigen Asphalt und rasiert durch die Radien, dass es eine wahre Freude ist. Sein Turbo spricht ohne nennenswerte Verzögerung an und dreht bis weit über 5.000 Touren. Solange der Asphalt hübsch trocken und die Reifen schön warm sind, bringt er seine Kraft so sauber auf die Straße, dass die Schutzengel des ESP eine ruhige Kugel schieben können. Erst recht, wenn man in den Sport-Modus wechselt, die Toleranzschwelle der Sicherheitsfanatiker spürbar anhebt und i20N die Muskeln anspannt. Das Fahrwerk versteift sich, der Auspuff spielt sich in den Vordergrund, der Puls schlägt schneller und der GTI aus Korea wird zu einer führerscheinfressenden Asphaltfräse. 

Am meisten Spaß macht aber der N-Drive-Modus, den man über die Taste mit der Rennflagge aktiviert. Dann wird der Kraftmeier gar vollends zum Kämpfer, der ohne Rücksicht auf Verluste die Knochen schüttelt und um jede Zehntelsekunde fightet. Die Gänge fliegen nur so durchs kurze Getriebe, die Elektronik reduziert die Drehzahlsprünge und die Schalthinweise im Cockpit flackern wie in der Disco. Kein Wunder, dass die Marketing-Spezialisten dem Knopf im Lenkrad einen eigenen Namen gegeben haben: „N Grin Control System“ nennen sie die sportliche Fahrdynamik-Regelung. Denn sobald man die aktiviert hat, ist ein Grinsen garantiert.

Je wichtiger das N im Typenkürzel für Hyundai wird, desto näher kommt Kösters und Eichlers Truppe allerdings an ihre Grenzen. Denn viel mehr als eine Handvoll Kollegen hat das Team nicht, das für das Sportprogramm verantwortlich zeichnet. Und Neueinstellungen sind nicht nur wegen der angespannten Situation für die gesamte PS-Branche offenbar schwierig. „Natürlich sind wir nicht AMG oder die M GmbH und tun uns bei der Suche nach neuen Bewerbern etwas schwerer“, erzählt Eichler deshalb von der bisweilen langwierigen Suche nach neuem Personal. Doch mit jedem N-Modell, dass die Koreaner nachschieben, wächst das Renommee und mit ihm der Stapel im Posteingang. Außerdem bietet eine kleine und junge Abteilung wie die N-Truppe ja auch Vorteile, sagt Eichler. Wer sonst darf in der Saison mindestens einmal pro Woche an und auf den Nürburgring und dort nach Herzenslust am Limit fahren. Das ist ein Mehrwert an beruflicher Zufriedenheit, den Eichler selbst die Straßenmeistereien der Eifel nicht vermiesen können. Denn egal wie viele Schlaglöcher die zuschütten, wie viele Bodenwellen sie bügeln und wie viele Kurven sie gerade ziehen – irgendwo finden sich in der Eifel immer noch ein paar kleine Straßen, auf denen die Ingenieure ihre Arbeit machen und dabei großen Spaß haben können.

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