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Die Faszination des Unerreichbaren – Bugattis neuer Chiron Pur Sport

Von Fynn Göttsche

Die Automobilwelt ist wie bei jeder Vorstellung eines Hypersportwagens aufgeregt. Gespannt lesen wir Berichte über die aktuellsten Änderungen am Modell. Jede eingesparte Zehntelsekunde beim Sprint auf Tempo 100 fasziniert uns ebenso wie jedes eingesparte Gramm. Jede PS und jeder Newtonmeter lassen das Herz ein wenig höher schlagen. Gesteigerte Fahrdynamik, Agilität und Handling des ohnehin schon grenzoptimierten Chiron Pur Sport begeistern uns mit jeder Meldung aufs Neue. Doch warum? Die Wahrscheinlichkeit einen dieser Hypersportwagen zu besitzen ist quasi Null. Ihn auch nur einmal zu fahren ist so unwahrscheinlich, dass selbst die Mitfahrt für Automobilenthusiasten und Geschwindigkeitsfreaks ein schon geradezu unerreichbarer Lebenstraum ist. Also wieso halten wir uns mit den technischen Details auf? Warum interessiert es uns, dass der 8-Liter-W12-Motor 1.500 PS leistet? Der damit verbundene Kraftstoffverbrauch wäre für einen Panzer ganz gut, doch für ein Auto dieser Größe sollte er uns stören – tut er aber nicht. Bugatti informiert uns, dass dieser Bolide bei 350 km/h elektronisch abgeriegelt ist. Aber was mache ich jetzt mit dieser Information? Zwar ist es von Molsheim nicht allzu weit bis auf ein Stück deutscher Autobahn ohne Geschwindigkeitsbegrenzung. Testfahrten auf Rennstrecken sind auch im Angebot. Ob es der Verkehr und ganz besondersdie eigenen Fahrkünste uns es überhaupt möglich machen, diese Geschwindigkeit ohne aberwitzige Gefahr für Leib und Leben zu erreichen steht hingegen in den Sternen. 

Der typische Automobilkunde, der in der Lage ist, sich einen Dreimillionen Euro teuren Sportwagen in die Garage zu stellen, hat zumeist nicht nur einen dieser Träume aus Stahl und Gummi herumstehen. Hat er überhaupt die Zeit sein Spielzeug voll zu nutzen oder gar die Fähigkeiten, sein bis inden letzten Mikrometer optimiertes Prachtstück an dessen Grenzen zu bringen? Bugatti berichtet, dass der Chiron Pur Sport 50.000 Testkilometer bereits während der Entwicklung abriss und damit vermutlich weit mehr, als die meisten ausgelieferten Modelle jemals fahren werden. Das Ganze, damit sich sechzig reiche Leute das nächste Prestigeobjekt und mögliche Wertanlage neben ihre drei dutzend anderen Autos von ähnlichem Preis stellen? Wer nun ja antwortet, dem sei sein persönlicher Bugatti natürlich von Herzen gegönnt, aber uns Normalsterbliche betrifft das leider nicht. 

Die Faszination an Hypersportwagen wie dem neuen Bugatti Chiron Pur Sport liegt nicht im realen Fahrerlebnis, einiger weniger Eigentümer. Sie liegt stattdessen im Wissen, darum was überhaupt möglich ist. Zu wissen, dass Ingenieure in der Lage sind, ein solches Auto zu bauen – und es Schritt für Schritt optimieren und weiterentwickeln, entfacht menschliche Urinstinkte nach Innovation. Schneller – höher – weiter, wie es bereits im Olympischen Motto heißt, beschreibt den der Menschheit innewohnenden Drang ganz gut. Bugatti-Präsident Stephan Winkelmann betont: „Diesen Hypersportwagen muss man unbedingt selbst erleben, das Besondere spüren, um die bemerkenswerte Arbeit des gesamten Teams dahinter einordnen zu können.“ Diese Arbeit der Ingenieure und Designer ist es, die uns fasziniert. Dass wir in der Lage wären – das entsprechende Kleingeld vorausgesetzt – innerhalb von 5,9 Sekunden 200 km/h schnell zu fahren und nach kurzer Zeit schon mit 350 km/h über die Autobahn zu fliegen, ist ein Traum, der für frühere Generationen technisch undenkbar war. Wir einfachen Autofahrer schauen nun begeistert auf die unerreichbaren technischen Meisterwerke und träumen weiter davon, die Grenzen der Ingenieurskunst ein einziges Mal selbst auszureizen. 

Aktuell stellt Bugatti sein neuestes Model im elsässischem Molsheim potentiellen Kunden und einem erlesenen Kreis von Journalisten vor. Gebaut wird der Pur Sport im „Atelier“, jener Manufaktur der auch schon die Modelle Veyron, Grand Sport Vitesse und Divo entsprangen. Der jüngste Sproß ist auf 60 Einheiten limitiert und wird rund drei Millionen Euro kosten.

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