Aktuelles

Jungfernfahrt mit Meilenstein

Die Autostadt tauft ein neuerworbenes „Amphicar“ artgerecht im Mittellandkanal.

Von Alexander Voigt

Eigentlich sollte es eine Überraschung für alle Wassersportfans werden. Anlässlich des diesjährigen Rennens um den Wolfsburger Drachenbootcup auf dem Allersee wollte die Autostadt den Schiedsrichtern ein ganz besonderes Boot zur Verfügung stellen: in leuchtend Türkis – eine der(!) Farben seiner Entstehungszeit und bereits mit Schriftzügen beklebt. Covid-19-bedingt muss das Drachenbootrennen 2020 nun leider ausfallen. Also wurde der neuerworbene Meilenstein für die Automobil-Sammlung des Zeithauses, ein „Amphicar 770“ aus dem Jahr 1961, kurzerhand per Jungfernfahrt auf dem Mittellandkanal getauft.

Ein Anruf bei den Nachbarn des „1. Motorbootclub Wolfsburg e.V.“ und an der VfL-Arena vorbei geht es der Rampe des kleinen Hafenbeckens unmittelbar am Kanal entgegen. Ein kurzer Gruß den interessierten Vereinsmitgliedern, die doch wissen wollen, was da nun gleich in ihre „Badewanne“ fahren wird und noch schnell die zusätzliche Türen-Arretierung umgelegt; sicher ist sicher und trockene Füße sind besser als nasse. Schwungvoll steuert Gerald Gretzke, Mitarbeiter der Autostadt, mitverantwortlich für den technischen Zustand der automobilen Klassiker, den Schwimmwagen zwischen die zahlreichen Boote, die in der Mittagssonne entspannt im ruhigen Hafenwasser dümpeln. Das Getriebe in den Leerlauf und mit dem Umlegen eines Hebels erfolgt das Umschalten von Land- auf Wasserbetrieb: Die Kunststoff-Schrauben unter dem Heck des Wagens übernehmen den weiteren Vortrieb. Ein Ruder gibt es nicht. In beiden Elementen, für die das Amphicar gebaut wurde, gibt der Stand der Vorderräder die Richtung vor, in die es gehen soll. Mit sanftem Gasfuß und gefühlvollen Lenkeinschlägen navigiert Gretzke der schmalen Hafenausfahrt entgegen. Hier gilt der Schulterblick nach Links den Frachtschiffen auf dem Mittellandkanal und dann heisst es: „Volle Fahrt voraus!“ der Autostadt entgegen.

Die zwölf Kilometer pro Stunde auf dem Wasser liegen jedoch nur kurz an. Zu laut wäre das Motorengeräusch aus dem Heck; schließlich gilt es, noch Vieles über die Historie dieses besonderen Meilensteins der Automobilgeschichte zu erfahren: Wüsste man es nicht besser, verleiten die Karosserieform und die kleinen Heckflossen dazu, anzunehmen, das „Amphicar 770“ käme aus den USA, wäre da nicht ein Bild des berühmten Holstentores der Hansestadt Lübeck in die Mitte des Lenkrades eingelassen: Hanns Trippel (1908-2001), der Erfinder des „Amphicar“ konstruierte bereits in den 1930er Jahren Schwimmwagen für militärische Zwecke. Ende der 1950er Jahre begeisterte er schließlich Entscheider der deutschen Quandt-Gruppe, ein Schwimmauto für zivile Zwecke zu produzieren. Im Herbst 1961 begann die Produktion in zwei (eigentlich Waggon-)Fabriken in Lübeck-Schlutup und Berlin-Wittenau. Das von einem Reihen-Vierzylinder mit lediglich 28 kW/38 PS des englischen Triumph Herald angetriebene Viersitzer-Cabriolet traf jedoch in Deutschland nur auf eine geringe Nachfrage. Auch ein Preissenkung von ursprünglich 10.500,- DM auf 8.385,- DM nach nur zwei Jahren Produktionszeit änderte daran nichts. Der Wartungsaufwand für das Amphicar war einfach zu groß; denn nach jeder Wasserfahrt sollten im Idealfall 13 Schmiernippel mit Fett versorgt werden. Dazu musste das Fahrzeug aufgebockt und die Rücksitzbank ausgebaut werden. Darüber hinaus musste für den Schwimmwagen auf deutschen Wasserstraßen auch ein Sportboot-Führerschein vorliegen.

Die meisten der bis 1965 regelmäßig, danach nur noch sporadisch gefertigten Fahrzeuge fanden daher ihren Weg in die USA, wo die Vorgaben weniger streng waren oder man sich eher mit den Qualitäten „eines untauglichen Automobils mit denen eines untauglichen Motorboots“ (so ein zeitgenössischer Tester) arrangieren wollte. 1968 war nach 3.878 Einheiten endgültig Produktionsschluss für das erste (und bislang einzige) in nennenswerter Stückzahl gebaute deutsche Schwimmautomobil.

Mittlerweile ist das Hafenbecken der Autostadt erreicht. Und nach einer Ehrenrunde am Fuße des Kraftwerkes geht es die lange Wasserfront der Autostadt zurück in den sicheren Hafen und über die kleine Betonrampe hinauf auf den Boden des üblichen Automobil-Elementes: So endet die definitiv außergewöhnlichste Oldtimer-Ausfahrt der 20-jährigen Geschichte der Autostadt. Und sogar das Notfall-Paddel verbleibt trocken und ungenutzt auf der Rücksitzbank.

%d Bloggern gefällt das: