Allgemein Reportage

Volkswagen Brasilien trotzt dem Markt: China? „Welcome to the Jungle!“

Volkswagen Brasilien trotzt dem Markt und freut sich über eine Premeire. Designed in Südamerika und Wolfsburg: 2021 schafft mit dem Nivus endlich ein Volkswagen do Brasil den Sprung über den Atlantik auf den europäischen Markt.

 Von Hermann Hay

Lange Sandstrände, Copa Cabana, Caipirinha – die Brasilianer gelten als lebensfrohe Nation. Der historische 7:1 Sieg der deutschen Nationalmannschaft im WM-Halbfinale 2014, ausgerechnet im heimischen Fußball-Tempel Maracana, treibt dem stolzen Brasilianer indes noch heute Tränen in die Augen. Sobald es um das Thema Auto geht, stieg die Laune jedoch wieder blitzartig – bis Covid-19. VW do Brasil zeigte eindrucksvoll, wie man auch heute in der Automobilbranche Erfolg haben kann. Die Südamerikaner strotzten geradezu vor Selbstbewusstsein. Nun wartet auch die Volkswagen-Konzerntochter VW do Brasil auf den Rückgang der Sondereinflüsse durch das Coronavirus. Die Botschaft von VW-Brasilien-Präsident Pablo Di Si, zugleich Boss von VW Südamerika, ist trotz allem unmissverständlich: Seit uns das Mutterhaus in Wolfsburg im Jahr 2016 von der kurzen Leine genommen hat, blühen wir auf.

Der Hintergrund: Unter der Regie von Vertriebschef Jürgen Stackmann wurde der Zentralismus abgeschafft. Stattdessen setzt man am Stammsitz in Wolfsburg auf Föderalismus. Eine bahnbrechende Entscheidung, die bei den Machern am Zuckerhut gut ankommt. „Um in unserer Region wirklich erfolgreich zu sein, muss man die lokale Klaviatur spielen können“, geht Di Si auf die Besonderheiten des Marktes ein. Gerade in Lateinamerika sei eine genaue Kenntnis der Kundenwünsche, aber auch der politischen Verstrickungen und bilateralen Beziehungen – vor allem mit Blick auf den Protektionismus, den Länder wie Argentinien pflegen, unabdingbar für eine erfolgreiche Geschäftsentwicklung. Der gebürtige Argentinier weiß wovon er spricht.

Und die neue Ausrichtung trägt Früchte. Zum Beweis kommt die erste automobile Eigenkreation von VW do Brasil über den Atlantik: Der Kompakt-Kombi „Nivus“ hat das Zeug zu einem echten Hingucker. Bereits im November 2017 präsentierte José Carlos Pavone, Chefdesigner von VW do Brasil, erstmals dem VW-Vorstand seine Vision eines Coupé Crossovers in der Polo-Klasse. Als das Fahrzeug enthüllt wurde, applaudierten VW-Chef Herbert Diess und Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann spontan. Konsequenz: Der 4,30 Meter lange CUV erfreut seit Ende Juni 2020 erst einmal in Südamerika die Käufer. Ab 2021 soll dieser Latino-Typ dann auch den europäischen Markt erobern. Von Brasilien in die Welt. Nahezu ohne Modifikationen. Lediglich um die seitens der EU auferlegten Zulassungs-Bestimmungen zu erfüllen, werden kleinere Anpassungen vorgenommen. 

Eine echte Erfolgsstory: José Carlos Pavone, Chefdesigner von VW do Brasil und sein Zwillingsbruder Marco.
Eine echte Erfolgsstory: José Carlos Pavone, Chefdesigner von VW do Brasil und sein Zwillingsbruder Marco.

Pavone erzählt voller Stolz davon, wie es binnen neun Monaten gelungen sei, den Prototypen des Nivus zu entwickeln. Im Mittelpunkt: Die Zwillingsbrüder Marco und José Carlos – Spitzname JC – Pavone. Aufgewachsen in einfachsten Verhältnissen in São Paulo: Schon mit elf Jahren begeisterten sie sich für Automobildesign. Dann die Initialzündung. Als ihr Vater ihnen einen Zeitungsartikel über den damaligen Chef-Designer von VW do Brasil zeigte, schickten die Jungs ihm kurzerhand per Post ihre eigenen Entwürfe. Dieser sendete ihnen daraufhin seine Originalzeichnungen und pflegte fortan mit den beiden Schülern eine langjährige Korrespondenz. Bestärkt durch den Experten studierten beide Brüder Design. Nach verschiedenen internationalen Stationen arbeitet Marco Pavone heute als Chefdesigner Exterieur in der VW-Zentrale in Wolfsburg. JC ist Chefdesigner von VW do Brasil und damit der Nachfolger ihres einstigen „Brieffreunds“. Für den Nivus arbeiteten die heute 42-jährigen Zwillinge erstmals zusammen, komplett in Eigenverantwortung. Wie stolz die Eltern in São Paulo auf ihre Sprösslinge sind, lässt sich nur erahnen.  Und so steckt im neuen Nivus auch ein bisschen Wolfsburg.

Dass es dem Konzern in Sachen strategischer Neuausrichtung ernst ist, belegen auch die Zahlen. Nachdem Brasilien die Schrecken einer von 2013 bis 2018 währenden Wirtschaftskrise hinter sich gelassen hat, will VW mit einer rund zwei Milliarden Euro teuren Strategie den Markt wieder flott machen. Und wer den argentinischen Top-Manager Pablo Di Si bei seinen Ausführungen beobachtet, zweifelt keine Sekunde daran, dass das erst der Anfang war. Erst recht nicht, als er gefragt wird, ob der Erfolg nicht etwa die Konkurrenz anlockt, beispielsweise die Chinesen. Mit ruhigen Schritten geht er auf den Fragesteller zu, blickt ihm tief in die Augen und setzt ein beinahe schelmisches Grinsen auf, ehe er seine unmissverständliche Ansage kundtut: „Wenn ich einen neuen Spieler auf dem Spielfeld sehe, sage ich: ,Welcome to the Jungle!'“ Willkommen im Dschungel!

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