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Der spanische Volkswagen: Seat feierte am 9. Mai 2020 sein 70-jähriges Bestehen

Von Alexander Voigt

Der Beginn der 1980er Jahre: Kalter Krieg und Eiserner Vorhang teilen nicht nur Deutschland sondern Europa wie die gesamte Welt in zwei Blöcke. Die Nachrüstungsdebatte um den NATO-Doppelbeschluss beherrscht die Innenpolitik. Die Umweltbewegung feiert die Gründung entsprechender Parteien, die sich aufmachen, die Parlamente zu erobern. Und Helmut Kohl wird deutscher Bundeskanzler. Auf dem Automobilmarkt beginnen die japanischen Hersteller ihren Kampf um signifikante Marktanteile gegen die erfolgreichen Modelle der deutschen Hersteller. Automobile aus Spanien? Im Deutschland der frühen 1980er Jahre waren sie absolute Exoten. Erst vor mittlerweile 37 Jahren, am 10. März 1983, startete der offizielle Verkauf von Fahrzeugen der Marke Seat in der Bundesrepublik. Zunächst über eine Importgesellschaft, bis die Seat S.A. 1986 ein eigenes Tochterunternehmen, die Seat Deutschland GmbH, gründete.

Fotos: Seat

Nach einigen schwierigen Jahren feierte die spanische Marke heute (exakt am vergangenen Samstag) nicht nur ihren 70. Geburtstag sondern vor allem in Deutschland einen Verkaufsrekord nach dem nächsten. Seat hat es geschafft. 2019 wurde im vierten Geschäftsjahr in Folge das beste finanzielle Ergebnis der Firmengeschichte erzielt. Der kommissarische Vorstandsvorsitzende der Seat S.A. und Vorstand für Finanzen uund IT, Carsten Isensee, gab vor wenigen Wochen in Barcelona stolz bekannt: „Das Ergebnis, das wir dank des Teamworks der gesamten Organisation erzielt haben, bringt uns in eine ideale Ausgangssituation für kommende Herausforderungen und bildet ein stabiles Fundament für die langfristige Zukunft unseres Unternehmens.“ Seat verbuchte einen Gewinn von 346 Millionen Euro nach Steuern, das entspricht einem Plus von 17,5 Prozent im Vergleich zum Jahr 2018. Der operative Gewinn stieg um 57,5 Prozent auf 352 Millionen Euro; der Umsatz stieg dank höherer Verkaufszahlen um 11,7 Prozent auf 11,157 Milliarden Euro. Isensse erklärte dazu: „Im gesamten Unternehmen wurden Ausgaben optimiert, was es uns ermöglicht, unsere Produkte kosteneffizienter herzustellen. Unsere Hauptziele sind eine höhere Profitabilität der Modellreihen, mehr Effizienz und eine wachsende operative Marge.”

Zahlreiche neue Modelle in den kommenden Monaten und eine klare Expansionsstrategie bei der Erschließung weiterer Absatzmärkte dürften auch in der Wolfsburger Konzernzentrale – trotz der aktuellen Corona-Krise – zumindest mittel- und langfristig wieder für zufriedene Gesichter sorgen.

In Deutschland nahezu unbekannt hingegen ist die Seat Geschichte, bevor die Marke ab dem 18. Juni 1986 Tochter der Volkswagen AG wurde. Das ist bedauerlich, denn gerade durch die Firmenhistorie wird deutlich, wie gut der katalanische Automobilbauer zu Volkswagen passt: Im Südwesten Barcelonas liegt das Industrie- und Gewerbegebiet „Zona Franca“. Hier wurde vor 70 Jahren – am 9. Mai 1950 – mit der Grundsteinlegung des ersten Stammwerkes die „Sociedad Española de Automóviles de Turismo S.A.“, kurz Seat, gegründet. Übersetzt heisst das in etwa „Spanische Gesellschaft für Personenwagen“.

Am Stammkapital von 600 Millionen Peseten hielt damals die staatseigene Gesellschaft „Institución Nacional de Industria“ 51 Prozent. Neben sechs spanische Banken mit insgesamt 42 Prozent beteiligte sich Fiat mit sieben Prozent. Der italienische Konzern lieferte zudem das technische Know-How. Und zwar so umfangreich, dass nicht nur der erste Seat eine nahezu vollständige Kopie eines ihm entsprechenden Fiat war.

Fotos: Seat

1953, als die Auslieferung des ersten Modells Seat 1400 begann, schraubten rund 1.000 Beschäftige in der Zona Franca. Zu Beginn produzierten sie täglich ganze fünf Einheiten. Nach drei Jahren produzierte Seat erstmals in einem Jahr 10.000 Fahrzeuge mit einem Schnitt von 42 Einheiten pro Tag. Die Belegschaft hatte sich auf rund 2.000 Mitarbeiter verdoppelt. 1957 beginnt am 27. Juni die Produktion des Seat 600. Er ist im Prinzip der „VW Käfer“ der Spanier. Häufig ist der „Seiscientos“ gerufene Kleinwagen das erste eigene Auto der gesamten spanischen Großfamilie dieser Zeit.

Nach der erfolgten Massenmotorisierung und einem rasanten Aufschwung der spanischen Wirtschaft wurde ein gelber 124er zum nächsten Meilenstein der Firmengeschichte. Im Mai 1968 wurde er als einmillionster Seat der Öffentlichkeit präsentiert. Bei der Show “Eine Million für den Besten” des spanischen Fernsehsenders RTVE wurde er an Rosa Zumárraga verlost. Das Problem: Die Gewinnerin besaß keinen Führerschein.

In den darauffolgenden 1970er Jahren nahm das eigene Technologie-Zentrum in Martorell, 30 Kilometer nordwestlich von Barcelona, seine Arbeit auf. Heute befindet sich hier der Hauptsitz und neben Barcelona das zweite Seat Stammwerk.

Am 30. September 1982 schließlich unterzeichnete Vorstandsvorsitzender Carl H. Hahn für Volkswagen ein Produktions- und Wirtschaftsabkommen mit Seat, wonach 120.000 Modelle pro Jahr – Polo, Santana und Passat – in Katalonien produziert werden sollten. Dieses Abkommen war möglich geworden, nachdem Fiat sich 1980 überraschend nicht an einer Kapitalerhöhung zur Finanzierung eines ehrgeizigen Industrie-Restrukturierungsplanes bei Seat beteiligen wollte und damit das Ende der rund 30-jährigen Zusammenarbeit einläutete.

Fotos: Seat

Fast zur gleichen Zeit rollte mit dem Seat Ibiza im April 1984 das erste in Eigenregie entwickelte Modell vom Band. Mit einem Design von Giugiaro, einem Motor “System Porsche” und der Fahrgastsicherheitszelle von Karman konnte Seat dafür erfahrene Partner aus der Volkswagen Sphäre um sich sammeln. 1986 übernahm Volkswagen erst mit 51 Prozent die Mehrheit an Seat und erhöhte dann die Beteiligung im Dezember gar auf 75 Prozent. Seit 1990 gehören Volkswagen 99,99 Prozent der Seat Anteile. Damit war endgültig der Grundstein für die Expansion der spanischen Marke des Volkswagen Konzerns auf die anderen europäischen Automobilmärkte und den aktuellen Erfolg gelegt.

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