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Indian Challenger: Die Herausforderung

Die US-Motorradmarke Indian lebt vom Wettstreit mit Harley-Davidson. Jetzt gibt es das neue Modell Challenger. Es hat die Road Glide des US-Dominators im Visier.

Der Name der neuesten Indian ist Programm: Die US-Firma, 2011 vom finanzstarken Polaris-Konzern zum mutmaßlich dauerhaften Leben wiedererweckt, hat schon bei vier der fünf seither präsentierten Modelle diverse Harleys im Visier gehabt, nun zielt man mit der Challenger (deutsch „Herausforderer“) auf die Road Glide. Mit knapp 31.000 Euro kostet die in den USA gefertigte Indian rund 2.000 Euro mehr als ihr Wettbewerber, für Nicht-US-Märkte aus Zollgründen mittlerweile Made in Thailand.  

Für längere Touren erscheint die Indian Challenger gut geeignet: Der Sitzkomfort ist auch für eine Sozia sehr gut, die Fahrer-Trittbretter bieten eine prima Auflagefläche für die Stiefel
Für längere Touren erscheint die Indian Challenger gut geeignet: Der Sitzkomfort ist auch für eine Sozia sehr gut, die Fahrer-Trittbretter bieten eine prima Auflagefläche für die Stiefel

Der flüssigkeitsgekühlte V2-Motor mit 1.768 Kubikzentimetern Hubraum arbeitet weitestgehend vibrationsfrei und ist mit 90 kW/122 PS bei 5.500 U/min. extrem kräftig. Auch das maximale Drehmoment von 178 Nm bei 3.800 U/min. sorgt beim Beschleunigen für lange Fahrer-Arme. Drehfreude gepaart mit Laufkultur und Durchzugsstärke sind Kennzeichen des sehr ansehnlichen wassergekühlten Vierventil-Triebwerks; sein Wohlfühlbereich liegt zwischen knapp 1.500 und 5.000 Touren. So hoch dreht man in der Praxis aber selten. Der Sound des V2 ist perfekt: ausdrucksstark, aber weder für Fahrer noch Umgebung lästig. So kann man bis etwa 140 km/h selbst ohne Kopfhörer recht gut Radio hören; der elektrisch verstellbare Windschild wie die 6,5 Zoll großen 100-Watt-Lautsprecher helfen dabei.  

Mit der Challenger hat Indian einen direkten Konkurrenten für die Harley-Davidson Road Glide im Programm
Mit der Challenger hat Indian einen direkten Konkurrenten für die Harley-Davidson Road Glide im Programm

Der Verbrauch des Power Plus V2, dem volumenstärksten wassergekühlten Motor der Amis, wird laut WMTC-Test mit 6,1 Liter/100 km angegeben. Dieser Wert ist bei artgerechter Fahrweise durchaus erreichbar; über 2.000 Testkilometer notierten wir, Verbräuche zwischen 5,0 und 6,9 Liter, abhängig von der Fahrweise. Dank des großen 22,7 Liter-Tanks sind 350 Kilometer Reichweite drin. Einzig die Gasannahme könnte im Kapitel Antrieb besser gelöst sein: Nur im Regen-Fahrprogramm geht der V2 kultiviert ans Gas, bei Standard und Sport löst spontanes Gasgeben einen mehr oder minder kräftigen Ruck aus. Auch die Feinjustierung des Tempomats hat Ruppigkeiten zur Folge.  

Absolut gefällig gibt sich das Fahrwerk. Sowohl die 43er USD-Gabel wie auch das in der Vorspannung einstellbare Zentralfederbein bieten dank guter Abstimmung und ausreichender Federwege guten Fahrkomfort; die Challenger erklimmt diesbezüglich die Spitzenposition im Segment. Der breite Lenker liegt gut zur Hand, fürs Einlenken in Kurven genügt ein leichter Druck. Kurven packt die Indian souverän und stabil, auch der Geradeauslaut ist bin zur abgeregelten Höchstgeschwindigkeit von 177 km/h einwandfrei. Die hochwertige Brembo-Bremsanlage ist leider keine Zweifingerbremse; vermutlich wegen sehr defensiv ausgewählter Beläge braucht die Frontbremse die volle, kräftige Hand, um gut zu verzögern; die hintere Bremse macht ihre Sache gut. Weil modernste Stabilisierungstechnik von Bosch an Bord ist, verfügt der Fahrer auch über Kurven-ABS und eine dynamische Traktionskontrolle; einen Berganfahrassistenten gibt es allerdings nicht.

Die beiden runden Anzeigen im Cockpit spiegeln und sammeln bei Regen das Wasser, die beiden voluminösen Ablagefächer in der Frontverkleidung sind nicht absperrbar und das nicht im Keyless-System integrierte Lenkschloss ist fummelig zu bedienen. Schön wäre auch eine Hinterleuchtung der Lenkerschalter. Das gut bedienbare Navigationssystem verfügt über ein riesiges Display, doch nervt die Menge der nutzlosen Ansagen auf Dauer enorm. Die anderen Elemente des fülligen Rider Command Systems können dagegen überzeugen. Irritierend war die Eigenschaft des Testbikes, beim Druck des Anlasserknöpfchens nicht stets spontan den Motor zu starten; mitunter bedurfte es mehrerer Versuche. Dass zweimal eine einige Minuten aufleuchtende Kontrollleuchte auf “Fehler am Fahrwerk” aufmachte, irritierte ebenfalls. Und auch die Benzin-/Reichweitenanzeige neigt zum gelegentlichen Eigenleben: Mit Sprit für noch rund 80 Kilometer abends geparkt, lautete die Reichweiten-Angabe am nächsten Morgen “1 Kilometer”. Schreck lass nach! Das sofortige Volltanken ergab, dass noch 6 Liter im Tank waren.  
Für längere Touren erscheint die Indian Challenger gut geeignet: Der Sitzkomfort ist auch für eine Sozia sehr gut, die Fahrer-Trittbretter bieten eine prima Auflagefläche für die Stiefel, der Windschutz ist dank des elektrisch verstellbaren Windschilds und diverser Flaps bis etwa 160 km/h ok. Auch das LED-Licht überzeugt. Das gelingt den beiden voluminösen Seitenkoffern nicht: Ihre Aufhängung wie auch der Schließmechanismus mittels eines mittig installierten Hakens wirken nicht vertrauenerweckend.  

Das gut bedienbare Navigationssystem verfügt über ein riesiges Display, doch nervt die Menge der nutzlosen Ansagen auf Dauer enorm
Das gut bedienbare Navigationssystem verfügt über ein riesiges Display, doch nervt die Menge der nutzlosen Ansagen auf Dauer enorm

Ganz besonders wichtig ist beim Typus eines Fullsize-Baggers das Design. Wir registrierten für die Challenger häufiges “Gefällt mir super”, aber auch gelegentliches “Im Prinzip ja, aber…” Zu den protokollierten „Abers“ gehört eine Überfrachtung mit Firmenemblemen wie auch eine mangelhafte Wertigkeit der verwendeten Kunststoffe im Cockpit, am Wasserkühler und an den Fahrzeugseiten. Einig waren sich aber alle Betrachter, welche die Indian bei Dunkelheit auf den Parkplatz rollen sahen, dass die beim Anhalten aufleuchtende Unterflur-Illumination “der Hammer ist”. Wie sehr man sich bei einem Bike dieses Kalibers – wir reden von 381 Kilogramm –angesichts einer nicht vorhandenen Rückfahrhilfe mitunter schinden muss, steht auf einem anderen Blatt. Immerhin ist die Umfallgefahr dank der niedrigen Sitzhöhe gering.

Ist die Indian Challenger nun die bessere Harley-Davison Road Glide? Die Antwort besteht in einem klaren Jein. Das urwüchsige Bike aus Milwaukee ist in sich stimmiger und wirkt in Details wertiger, während der Herausforderer das feinere, stärkere und deutlich komfortablere Motorrad darstellt, mit dem sich spürbar besser reisen lässt. Zudem bietet es mit der erwähnten Unterflurbeleuchtung ein geniales, wenn auch fürs Fahren nutzloses Gimmick.  SP-X

Technische Daten Indian Challenger Limited:

Motor: flüssigkeitsgekühlter 60-Grad-V-Twin, 1.769 ccm Hubraum, vier Ventile pro Zylinder, dohc, 90 kW/122 PS bei 5.500 U/min., 178 Nm bei 3.800/min; Einspritzung, 6 Gänge, Zahnriemen.

Fahrwerk: verschraubter Aluminiumguss-Rahmen; Upside-down-Telegabel ø 43 mm vorne, 13 cm Federweg; Leichtmetall-Zweiarmschwinge, Zentralfederbein, Federbasis hydraulisch einstellbar, 11,4 cm Federweg; Leichtmetallgussräder; Reifen Metzeler Cruisetec 130/60 B 19 (vorne) und 180/60 R 16 (hinten). 32 cm Doppelscheibenbremse vorne, 29,8 cm Einscheibenbremse hinten.

Assistenzsysteme: Zweikreis-ABS mit Kurvenfunktion, dyn. Traktionskontrolle, drei Fahrmodi, aut. Blinkerrückstellung, Keyless Ride, Reifendruckkontrollsystem, Wegfahrsperre, Tempomat, Ride-Command Kommunikationssystem incl. Navigation

Maße und Gewichte: Radstand 1,668 m, Sitzhöhe 67,2 cm, Gewicht fahrfertig inkl. Koffer 381 kg, Zuladung 247 kg; Tankinhalt 22,7 Liter.  

Fahrleistungen: 0-100 km/h ca. 4,6 s, Höchstgeschwindigkeit 177 km/h. Normverbrauch lt. WMTC-Norm (EU 4) 6,1 l/100 km, im Test 5,3-6,9 l/100 km (ohne Korrektur der Tacho-Voreilung)

Garantie und Wartung: 5 Jahre; Service bei 800 und 4.000 km, dann alle 8.000 km

Preis: ab 30.890 Euro

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