Allgemein Reportage

Sonore Symphonien aus 10 Zylindern – eine „bella Figura“ am Lac Leman

Der altehrwürdige Automobilsalon in Genf fiel in diesem Jahr dem Corona-Virus zum Opfer. Schade, ist diese Messe doch eine der schönsten und spektakulärsten Autoshows weltweit. Auf engstem Raum präsentierten die Hersteller stets ihre aufregendsten Designstudien und Neuheiten. Wie gerne erinnere ich mich an jene Tage im Jahr 2009 zurück. Damals betörte mich eben an jenem legendären Ort eine rassige Diva, als es noch nicht so sehr um Klimawandel und E-Mobilität ging. Nun, elf Jahre später ein kleiner Blick in die Vergangenheit auf eine längst im Dunst der automobilen Entwicklung verflossene Liaison.

Von Tim Westermann

Rote Göttin nennen Kenner die Formel-1- Renner Ferraris. Der RS6 von Audi ist zwar keine Göttin, dafür umso mehr eine wahre Diva der Straße. Vier auffällige Silberringe, breite Reifen auf 20-Zoll-Felgen, misano-rotes Blechkleid – wie strahlende Lidstriche, untermalen helle LED-Leuchten die blau schimmernden Scheinwerfer in der Front.

Montreux 2009: Auch von hinten machte der RS6 eine "bella Figura".
Montreux 2009: Auch von hinten machte der RS6 eine „bella Figura“.

Die Diva aus Ingolstadt signalisiert selbstbewusst: Ich will auffallen und habe auch das Zeug dazu. Sie wird recht behalten. Auf dem Weg zum Genfer See steht sie, wie bei extravaganten Diven üblich, im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses.

So süß Marlene Dietrich sich mit lieblicher Stimme als blauer Engel in die Herzen ihres Publikums sang, so horcht man dem rauhen Tonfall dieser roten Diva – dafür aber zehnstimmig. Die kraftvoll intonierten Symphonien aus ihren Zylindern sind purer Genuss. Zusätzlich pfeift sie launig aus zwei Turboladern. Temperamentvoll wie die Loren, klangvoll wie die Callas und leidenschaftlich wie die Garbo versprüht meine Diva Esprit, Agilität – jedoch ohne Hochmut.

Kraftpaket: Der V10 TFSI Motor mit Bi-Turbo.
Kraftpaket: Der V10 TFSI Motor mit Bi-Turbo.

Mit souveräner Eleganz gleiten wir zusammen Richtung Montreux, der Heimat berühmter Jazz-Festivals. Trotz neugieriger Blicke neben der Bushaltestelle, unzähliger Fotos und um uns herumkreisender Bewunderer, bleibt die Rote ganz ladylike, handzahm, wird bei robuster Gangart keineswegs zickig wie die Campbell. Sie kennt ihre Vorzüge, ist sich mit 580 PS bewusst, jegliche Konkurrenz charmant in Schach halten zu können.

Lieblich sind die Vorzüge der Schönen aus Ingolstadt. Dennoch hat auch sie, wie so viele ihrer Artgenossinnen, ein schweres Laster. Trinkfreudigkeit ist in ihren Kreisen ein weit verbreitetes Phänomen. 18,7 Liter genehmigt sie sich gerne nach 100 Kilometern Asphalttanz. Die Rechnung an der Benzin-Bar fällt in der Regel entsprechend hoch aus. Aber wer sich mit so einer automobilen Rasse-Diva einlässt, weiss das im Voraus. Schöne Frauen kosten viel Geld – so ist es seit jeher gewesen. Darum musste ich sie auch nach zwei wundervollen Tagen an den Gestaden des Genfer Sees verlassen. Jedoch, die Erinnerung an eine schöne, wenn auch kurze Zeit zusammen, bleibt. Spektakulär, mit 650 Newtonmetern, drehten wir uns beim Tanzen über Asphaltflächen, feurig erklommen wir gemeinsam die Berge am Lac Leman, eine gute Figur machten wir beim Fotoshooting in Montreux. Ja, die Stunden mit der roten Diva aus Ingolstadt werden unvergesslich bleiben – bis heute – elf Jahre danach.

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