Aktuelles

Avanti, Käfer! Arrivederci Beetle!

Nuvolari, Moss und Carraciola – ein Duft von Benzin, Öl und tausende feiernde Tifosi in Städten, Dörfern und an serpentinenreichen Appeninen-Passstrassen. Diese historischen Namen, Begrifflichkeiten und Szenerien stehen für „la Corsa piu bella del Mondo“, das schönste Rennen der Welt – die Mille Miglia. Ausgetragen zwischen 1927 und 1957 als knallhartes Automobilrennen, wurde die „Mille“ 1977 wiederbelebt. Dieses Mal allerdings als klassische Rallye für Oldtimer, auf der jedoch nicht minder scharf gefahren wird.

Von Tim Westermann

430 historische Fahrzeuge – allesamt rollende Legenden der Automobilgeschichte – verwandeln auch im Jahr 2019 das norditalienische Brescia in ein Freiluftmuseum. Der typische Duft der Klassiker nach Öl, Benzin und dem Leder des Interieurs liegt in der Luft. Beinahe endlos strömen Tausende von Zuschauern in das Herz der Stadt. Eine Kunstflugstaffel donnert über die Szenerie und zeichnet das Grün-Weiß-Rot der italienischen Trikolore in den wolkenbedeckten Himmel, während ein Klassiker nach dem anderen über die Startrampe rollt.

Über 1000 Meilen (rund 1.800 Kilometer) verläuft die Strecke durch einige der schönsten Landstriche Italiens. Bereits kurz nach dem Start streift die Mille Miglia den Gardasee. Über die beiden zum UNESCO Weltkulturerbe zählenden Städte Mantua und Ferrara führt die Route an die Adriaküste, wo bei Cervia/Milano Marittima die erste Etappe mitten in der Nacht endet. An Tag zwei donnert das Feld bis in die ewige Stadt Rom, um am dritten Renntag über die legendären Appeninen-Pässe „Futa“ und „Raticosa“ Bologna zu erreichen bis es nach vier Tagen die Ziellinie in Brescia erreicht ist.

Mittendrin, neben vielen PS-Monstern sportlicher Marken wie Jaguar, Ferrari oder Alfa Romeo, lehren zwei Volkswagen diesen Boliden was Wendigkeit auf kurvenreichen Streckenabschnitten ist. Volkswagen Classic schickte nämlich zwei historische Käfer in dieses harte Rennen. Der Brezel-Käfer von 1951 sowie der 1956er Ovali-Käfer sind nach historischem Vorbild modifiziert. Der diamant-grüne Ovali-Käfer wurde bereits für seinen Einsatz 2011 und 2012 von Volkswagen Classic originalgetreu aufgebaut und leistet mit einem Porsche-Motor im Heck satte 75 PS. Der zweite, resedagrüne Käfer ist mit einigen Porsche-Teilen modifiziert und 60 PS stark. Sie avancierten im Handumdrehen zu echten Sympathieträgern.

„Maggiolino“, wie die Italiener sie liebevoll nennen – waren auf der Mille Milia in den 1950er Jahren nicht zuletzt dank ihrer Zuverlässigkeit viel weiter vorn anzutreffen als von der stärker motorisierten Konkurrenz erwartet. So überraschte 1954 Paul-Ernst Strähle, Sohn eines Volkswagen Händlers der ersten Stunde aus dem schwäbischen Schorndorf, mit seinem leistungsgestärkten „Dapferle“: Er verbaute Teile des Porsche 356 in den 1948er Serienkäfer und erzielte mit einem Sieg in der 1300-ccm-Klasse und der Drittplatzierung in der 1500 ccm-Klasse einen Überraschungserfolg.

Die restaurierten Käfer aus Wolfsburg sorgten überall für Applaus und Sympathie. Ihr Auftritt bei der Mille Miglia macht noch einmal erlebbar, was Millionen Menschen seit Jahrzehnten verbindet: die Leidenschaft für die „runden Volkswagen“. Im Sommer 2019 geht diese Ära zu Ende, wenn der letzte Beetle vom Band läuft. Über 70 Jahre nach Serienproduktionsstart des Käfers und 21 Jahre nach Premiere des New Beetle heißt es endgültig Abschiednehmen.

Doch nicht von den liebevoll gepflegten Oldies aus der Sammlung von Volkswagen Classic. Mit martialischem Klang aus ihren luftgekühlten Vierzylinder-Boxermotoren sorgen die zwei „Mille-Käfer“ überall für Furore. An und auf der Strecke herrscht Ausnahmezustand.

Jubelnde Tifosi feuern die Besatzungen der Preziosen an, während das Fahrerfeld mit mehr als Tempo 100 durch geschlossene Ortschaften braust und hier und da auch rote Ampeln ignoriert – alles mit dem viertägigen Segen der italienischen Behörden. Damit niemand dabei zu Schaden kommt, fährt die Polizia Stradale an gefährlichen Stellen Eskorte, regelt an einigen Kreuzungen und Kreiseln, die links wie rechts herum durchfahren werden, den Verkehr oder sperrt gleich ganze Straßenzüge, an denen auch mal der Bürgersteig zum Überholen herhalten muss. Die Szenerie ist überall gleich: Kameras und Smartphones werden hochgehalten. Kinder haben schulfrei und winken in Klassenstärke. Betagte Pensionäre zollen den zahlreichen Oldtimern mit rauem Tonfall „bella macchina“ ihren Respekt und selbst die Polizisten treiben die Rennfahrer mit „Avanti!“-Rufen an.

Viel zu schnell ist die Mille Miglia 2019 vorbei – aber beide Käfer bestätigten ihr Image als zuverlässige Autos und wurden dem legendären Werbeslogan „und läuft, und läuft, und läuft“ mehr als gerecht, als sie ohne technische Probleme nach viertägiger Hatz das Ziel erreichten. Was sowohl den Besatzungen als auch den Käfern bleibt sind zahlreiche Erinnerungen und Eindrücke an die Mille Miglia. „La corsa piu bella del Mondo“, das schönste Rennen der Welt, das gemeinsam mit der „Carrera Panamericana“ entlang der Westküste Mexikos und der „Targa Florio“ auf Sizilien auch heute noch bei allen Automobil-Enthusiasten für einen deutlich erhöhten Pulsschlag sorgt.

%d Bloggern gefällt das: